„That Was What Life Is All About“

WHEN THE AUTOMATICS ROLL OVER JAPAN AGAIN 

 

An einem borin´ lazy sunday afternoon sass ich wie so oft am Computer und war im Internet mal wieder auf der Suche nach irgendwelchen coolen unbekannten Punkrock-Pages. Wie es der Zufall wollte, stiess ich auf die Seite der Band, the Automatics. 1978 brachten sie ihre einzige Single „When The Tanks Roll Over Poland Again“ raus. John Peel spielte sie auch damals in seinem Programm und sechs Jahre spaeter kaufte ich mir sie in irgendeinem Second-Hand Shop in London Town. Eine unvergessene Punkrock-Perle aus Londoner Tage.

Ich kann mich an diesen Tag noch recht gut erinnern. Den ganzen Vormittag lief ich mir die Haken nach coolen Punkscheiben ab. Einen letzten Besuch stattete ich in der Naehe des „London Dungeon“ ab. Ein unscheinbarer kleiner Plattenladen.

Der Verkaeufer kam mir irgendwie bekannt vor. Als er mir dann die Live-LP seiner frueheren Band, den Nipple Erectors in die Hand drueckte war mir klar, das es ihr Saenger Shane McGowan war, der mich bediente. Was sah er da schon fertig aus! Das linke Auge so rot wie bei einem Kaninchen, er trug ein total verwetztes Sakko, das an einem Aermel nur mit Sicherheitsnadeln zusammengehalten wurde, und seine Zaehne waren schon zu diesem Zeitpunkt nicht gerade die allerbesten mehr gewesen.

Doch zurueck zu den Automatics. Ich lass auf ihrer Seite das es im Oktober auf eine Reunion-Tour nach Japan gehen wuerde. Dort sollte auch eine Studio-CD erscheinen.

Das machte mich natuerlich ungeheuer neugierig und so schrieb ich an die angegebene eMail, ohne zu Wissen, das ich direkt ins Schwarze getroffen hatte. Dave Philp, ihr Saenger, antwortete mir in Rekordzeit und so konnte ich ihn darauf festnageln ein Tourtage-Buch von seinem bevorstehenden Trip nieder zuschrieben. Ich konnte da natuerlich noch nicht ahnen, was fuer eine Hammergeschichte auf mich zukommen wuerde.......

Ralf Real Shock

 

the AUTOMATICS, London 1979 at the "Hope & Anchor"

 

Tales Of A Dayglo Gaijn

by Dave Philp

 

Also, hier sitze ich nun im Flugzeug auf den Weg nach Japan und immer wenn ich auf Reisen gehe, bin ich wie ausgewechselt. Es ist dieses seltsame Gefuehl das mich jedes Mal beschleicht, wie es einst im Jahr 1977 geschah, als die damaligen Erlebnisse mein kuenftiges Leben veraenderte.

Eine Zeit, in der ich nichts weiter war als ein verwirrtes Kid, das permanent auf einer geheimgehaltenen Mission unterwegs gewesen ist.

Wie auch immer, ich fliege rueber, um ein wenig Spass zu haben, jetzt, wo ich ein wenig aelter und etwas vernuenftiger geworden bin.

Ich sass auf der Arbeit in meinem Buero, als mir die Tour das erste Mal angeboten wurde und vom ersten Augenblick an war mir klar, dass ich dazu nicht „Nein“ sagen konnte.

Ich denke, dass aber auch meine Frau Hunter, die neben mir im Flugzeug sitzt und mich begleitet, eine entscheidende Rolle dazu beigetragen hat.

Zu der Zeit als ich mit den Automatics die Bretter von London wichtigtuerisch auf- und ab stolzierte, war sie ein junges Maedchen, die versuchte ihren Weg nach Tokyo zu machen.

So ist es fuer sie eine Moeglichkeit, mal wieder vorbei zu schauen und „Hallo“ zu sagen. Aber auch die Chance zu haben, einen richtungweisenden Lebensabschnitt Revue passieren zu lassen, als sie auf dem Sprung zur Schriftstellerin war. Und natuerlich um ihren alten Meister „Sensei“ wieder zusehen, der damals an ihre Faehigkeiten geglaubt hatte, der sie ins kalte Wasser stiess und dem sie all das verdanken kann, was sie heute erreicht hat.

Eine dankbare japanische Regierung hat ihn kuerzlich als „nationalen Liebling“ nominiert, wegen der vielen Buecher, die er ueber Japan und seine Kulturen verfasst hat. 

Fuer den Flug hatte ich mir „England´s Dreaming“ von Jon Savage mitgenommen. Das Buch, das sich mit der endlosen Pistols/Mc Laren Fixierung beschaeftigt. Als Punk aufkam ging es um so viele verschiedene interessante Geschichten. Alle Moeglichkeiten der kuenstlerischen Unabhaengigkeit wurden gegen das eingefahrene Leben, was in England Mitte der 70ziger vorherrschte, freigesetzt. Die Akademien der musikalisch so wertvollen Talente wurde mit einem Schlag zerstoert. Auf der Strasse spielte sich die Musik ab. Es war die Zeit, als es um grundlegende Fragen in der Politik und in der Sexualitaet ging, es ging um Mode und einen bestimmten Stil.

Als die Sex Pistols ihren Treffer gelandet hatten und ein jeder in England mit einem Hundehalsband durch die Gegend lief hatte am Schluss das Musikbusiness wieder die Oberhand gewonnen. Sie holten sich wieder ihre kleinen sauberen Akademien zurueck, wischten die Spucke von ihren Emmys und schafften sich die ganzen unbequemen Bands vom Halse.

Das Buch von Savage ist intelligent geschrieben, zwar mit betraechtlichen Luecken, doch das wird durch viel eigene Erfahrungen wieder wettgemacht. Es versetzt mich zurueck in eine laengst vergangene Zeit.

 

03. Oktober

Tokyo ist die faszinierendste Stadt – ein Moloch voller Energie versteckt in einer Lotusbluete der Hoeflichkeit. Der Promoter Toshio – wir trafen uns am Flughafen, hielt eine Kopie vom Album in der Hand, so dass wir ihn identifizieren konnten. Das Album sah gut aus. Wir nahmen den Zug nach Tokyo und trafen einige Leute von seinem Label, die uns beim Tragen des Gepaecks zum Hotel Kent in Shinjuku geholfen haben. Da sieht es aus, wie es in L.A. in 200 Jahren aussehen wird. Wie in „Blade Runner“, der hier gefilmt worden ist. Grosse Neonreklamen, die nichts mit den amerikanischen gemein haben. Sie bewegen sich auch ganz anders. Es basiert auf einem ganz anderen Geschmack. Viel mehr Details mit kleineren Bildern, die sich in sanften Wellen bewegen. Wir stellten unser Gepaeck im Hotel ab und tauchten ein ins verrueckte Shinjuku. Wir starteten in einer „Taito Galerie“ Amuesierarkade. Dort gab es Spiele ueber Tanzen, mit Schlagzeug, Gitarre spielen und Pferderennen. Die Leute legen sehr viel Wert auf ihr Aeusseres, selbst oder vielleicht gerade die Girls haben sich besonders mit dem letzten Schrei der Mode in Schale geworfen. Die Lautstaerke in der Arkade gleicht einem Rockkonzert, so dass es mich vollkommen vereinnahmt.

Zurueck auf der Strasse in einem grossen See von Menschen – Unmengen von Leuten fliessen in verschiedenen Stroemungen. Wir finden ein Nudelhaus und haben ein ruhiges Diner. Toshio ist ein grossartiger Typ. Instinktiv vertraue ich ihm – da er in erster Linie Fan und dann Geschaeftsmann ist. Er ist unglaublich gut ueber die englische Punkszene von 1977 – 1979 unterrichtet.       

Nach dem Essen werde ich schnell schlaefrig. Ich bekomme den Jetlag nun zu spueren, ein Gefuehl zwischen „Alice im Wunderland“ und dem tiefen schwarzen Loch. Es wird Zeit fuer das Bett. Nach der Ankunft im Hotel Kent falle ich sofort in einen sehr tiefen Schlaf.

 

the AUTOMATICS - Live in Japan 2001                        the AUTOMATICS - Live in Japan 2001

 

04. Oktober

Durch das Gezischel der Kraehen werde ich geweckt. Sie sind zu der fruehen Stunde die einzigen Besucher auf dem Platz unterhalb unseres Hotelzimmers. Es regnet und die Stadt ruht noch. Die Gebaeude sehen am Tag trostlos aus. Die Neonflaechen an den Haeuserwaenden bewegen sich nicht. Nur am Abend verspruehen sie mit all den bunten Lichtern ihre magische Power. Um den Platz herum sind verschiedene Filmposter von der beruehmten Ex-Punkerin Liz Hurley plakatiert.

Die Kraehen geben keine Ruhe. Im Sommer terrorisieren sie die ganze Stadt und es kommt vor, dass Passanten von ihnen attackiert werden.

Am Nachmittag holt uns Toshio ab, um vor der Probe am Abend noch eine kleine Sightseeing-Tour einzuschieben. Wir nehmen den Zug um die Tempel von Asakusa anzuschauen. Auf dem Weg sehen wir aus dem Zugfenster den Kaiserpalast an uns vorbeiziehen. Alles was mit Japan zu tun hat scheint fremd und exotisch zu sein – die Gestaltungen von Farben und Bildern auf den Reklamen und in den Verkaufslaeden ist so ganz anders.

Bevor man den Eingang des Tempels erreicht muss man durch eine lange Shoppingmeile gehen. Links und rechts sind kleine Laeden, die Souvenirs aller Art, Manufakturen, Backwaren und Suessigkeiten verkaufen. Der Tempel ist herrlich gewoehnlich, die Zwergfiguren auf dem Dach sagen schon alles. Die ganze Zeit erfuellt Kirchengesang das alte Gemaeuer. Ueberall im Tempel sind kleine Altare aufgebaut, wo Gebetsbuecher angeboten werden. Ich kaufe eins fuer meinen Yogalehrer. Es liegt in einer Schachtel, die mit reich verzierten Stickereien versehen ist.

Weihrauch fegt uns durch eine geoeffnete Vertiefung entgegen. Ich beuge mich runter, klatsche zweimal in die Haende und werfe eine Muenze in das Gitter.

Eine Pilgergruppe von aelteren Damen zieht an uns vorbei. Sie alle tragen Kimonos ( = den japanischen Mantel ) in gedaempften Farben. Ihre Handtaschen sehen richtig scharf aus. 

Wir folgen der Strasse um den Tempel herum und stossen auf Tokyos gleichrangigen „Manns Chinese Theatre“. Hier gibt es bronzene Handabdruecke von der lokalen Oper, Fernsehen und singende Sterne.

Wir nehmen im Schneidersitz vor einer der niedrigen Tische Platz um einen Tee zu trinken. Zwischen den Tischen sind Bonsaibaeume an kleinen Felsen montiert, so dass ihre Wurzeln bis auf den verschmutzten Boden reichen.   

Nach vermutlich zwei Jahrzehnten ist es das erste Mal das ich meine Lederjacke wieder uebergestreift habe. Damals lebte ich in dem Ding. Es war wie eine zweite Haut fuer mich.

Wir folgen Toshio durch die brodelnden Strassen von Shinjuku, vorbei an der Oper und den Sex-Clubs, bis wir in einen Bereich kommen, wo es anscheinend sehr viele Rock 'n' Roll Shops gibt. Wir treffen an den „On The Air“-Proberaumstudios ein.

Toshio stellt mir meine neue Band vor. Da ist Bruce von „Radio Shanghai“ an der Gitarre, Masa am Bass von den „Privateways“ und beide wirken ganz offensichtlich sehr nervoes. Bei ihrem Anblick schraubt sich meine Nervositaet wieder etwas zurueck. Sie verbeugen sich wirklich sehr niedrig und quatschen dann drauf los. Dann kommt Fifi an. Er ist der Typ, der alles in Bewegung setzte, indem er mir einen Fanbrief per eMail schickte und mich mit Toshio in Kontakt brachte. Ich danke ihm und gebe ihm ein Exemplar der alten Island-Single „When The Tanks Roll Over Poland Again“, die ich bei „ebay“ ersteigert habe.   

Zum Schluss erscheint Jimbo, der Schlagzeuger. Ich ueberreiche nun jedem ein Paket mit Rindfleisch. Einige sachkundige amerikanische Freunde versicherten mir, dass dies in Japan immer gut ankommt, aber es scheint jetzt wie eine hoffnungslose formale Geste zu wirken.

Die Instrumente werden angeschlossen und das uebliche Ritual „Tune Up + Check In“ beginnt. Ich habe nicht erwartet das Fifi auch mitspielt, aber vermutlich ist es eine gute Idee jetzt mit zwei Gitarren zu spielen. Die P.A. ist furchtbar. Der Raum ist sehr klein und erzeugt viele Rueckkopplungen, die meist aus den Mikros kommen und so muss ich schreien, um mich ueberhaupt etwas hoeren zu koennen. In meiner Nervositaet beachte ich nicht, welche Belastung ich dadurch meiner Stimme aussetze, da ich schon seit ewigen Zeiten ueber keine P.A. mehr gesungen habe.  Nach dem wir durch „Tanks“ und „Wild One“ durch sind fuehle ich bereits wie sich meine Stimme strafft.

Wir ackern durch das Set, machen eine kurze Pause und versuchen es nochmal. Meistens klingt es gut, aber ich werde ploetzlich bei dem Gedanken panisch, ob wir das alles in dieser kurzen Zeitspanne richtig hin bekommen. Schliesslich ist die erste Show schon uebermorgen.

Toshio scheint zufrieden zu sein und ich versichere ihnen, das wir nach einem Tag mehr proben grossartig klingen werden. Persoenlich hab ich meine Zweifel.

 

Dave Philp (the AUTOMATICS) - Live in Japan 2001

 

05. Oktober

Nach einer unruhigen Nacht wache ich auf und ich kann mein liebes Tagebuch nicht anluegen, denn ich fuehle mich wirklich hundsmiserabel. Meine Stimme ist noch wund (obgleich nicht so wund wie gestern Abend), aber vom Jetlag habe ich mich auch noch nicht richtig erholt und so scheint mir am heutigen Morgen alles sinnlos zu sein. Es kommt nicht sehr haeufig bei mir vor, dass ich solche Tage erlebe. Ich weiss aber, das dieser Zustand bald vorueber gehen wird, doch trotzdem fuehle ich mich beim Schreiben immer noch wie ausgekotzt.

Ich gehe mit Hunter zum Fruehstuecken. Waehrend sie sich einen Bagel bestellt schluerfe ich lustlos an einer Tasse Tee. Und ich stelle mir die Frage, was ich ueberhaupt hier verloren habe? Ich habe zu Hause eine Firma zu leiten, verdiene viermal so viel Geld wie sonst niemand in meiner Familie und habe ein Haus in Beverly Hills.    

Die anfaenglichen Ruhepausen zwischendurch machen mir bei laengeren Reisen immer wieder zu schaffen. Es dauert seine Zeit bis ich mich vollstaendig regeneriert habe.

Und nach einer guten Session fuehle ich mich gleich wesentlich besser. Das P.A.-System war heute besser ausgesteuert als gestern. Wir haben uns richtig ran gehalten und spielten das komplette Set sieben oder acht Mal durch. Die Band spielt sich richtig gut ein, nur die Backin´ Vocals bereiten noch etwas Probleme, aber alles in allem steht der Sound.

Waehrend einer Pause zeigt mir die Band die umliegenden Punkshops, in denen es fuer suendhaft teuere Kurse viele alte englische Sachen zu kaufen gibt. Die Automatics Singles sind alle ausverkauft, aber wenn wieder einige Kopien erhaeltlich sind werden sie dort fuer $100 aufwaerts gehandelt. Diese Shops sind wie kleine Tempel. In einem liegen die Platten unter der Ladentheke und nur eine Abbildung wird in den Faechern ausgelegt.

Ein Fotograph von irgendeinem Musikmagazin besucht uns im Proberaum und schiesst einige Bilder von uns. Wir machen unser erstes „Gruppenfoto“, Bruce, Fifi, Masa, Jimbo und Dave!

Toshio kommt am Abend vorbei und hat die Vinylausgaben des ersten und zweiten Album mit dabei, dessen Druck sich verzoegert hatte. Die CDs sind bereits draussen, aber sie sind noch nicht an die Shops in Uebersee verschickt worden. Es ist wirklich gut zu wissen, dass nach all dieser Zeit das Album erschienen ist. Es gibt im Grunde genommen dafuer keine richtige Werbung, nur so was wie Mundpropaganda. Jemand der die Platte schon rezensierte hatte sprach vom „Punk Pet Sound“.

Die Jungs wollen, dass ich ihnen ihre Kopien unterschreibe und ich rutsche in eine kurze Orgie der selbstsuechtigen Genugtuung ab.

Fifi nimmt mich beiseite und erklaert mir, dass diese Jungs alle meine Musik lieben und sehr nervoes sind mit solch einer Legende wie mir zusammen zu spielen. Das muss ich erst einmal verdauen, zumal ich die letzten Jahre voellig in Vergessenheit geraten bin.

Als ich im Hotel eintreffe ist Hunter von ihrem Tag mit Michael zurueck. Sie telephoniert mit Donald, der sich sehr alt anhoert, und als sie auflegt beginnt sie an zu weinen.

 

06. Oktober

Tag der ersten Show! Ich werde von Jana´s Anruf aus den Staaten geweckt. Als ich meinen Mund oeffne um etwas zu sagen kommt nur ein unverstaendliches Gekraechze aus mir raus.

Das ist nicht gut. Ich bekomme einen Riesenschrecken. Ich atme ein und wieder aus. Dann geht’s wieder.

Bevor ich Toshio treffe lege ich mich noch fuer zehn Minuten hin. Dann fahren wir gemeinsam mit dem Zug Richtung Shimokitazawa, zum „Shelter Club“. Ein vertrauter dunkler Keller mit einer Buehne. Die Erinnerungen an frueher kommen wieder. Die anderen drei Bands, „The Young Ones“, „Radio Shanghai“ + „Firestarter“, sind schon da. Der Soundcheck ist im vollen Gange, also verlassen Hunter und ich den Keller um in dem Labyrinth der umgebenden Strassen schnell einen Bissen zu uns zu nehmen. Gebratene Eier, Reis und gruener Tee.

Auf dem Weg zurueck zum Club werden wir von zwei sehr netten jungen Frauen angehalten und sie fragen mich ob ich „Dave Pheelp“ waere. Ich versichere ihnen, dass ich das bin. Sie explodieren beinahe vor Gekicher. Als ich ihnen dann Hunter vorstelle, fallen sie uns fast vor die Fuesse. Hunter, die das alles eher gelassen sieht sagt, das sie sehr froh ist, das sie mitgekommen ist. Ich muss sagen, dass ich diese Art von Aufmerksamkeit sehr mag.

Im Club angekommen machen wir unter der Achtsamkeit der anderen Bands unseren Soundcheck mit „Tanks/Wild One/Run Forever“. Danach zieht es uns wieder in das Kasbah der kleinen Shops, die Shimokitazawa charakterisieren. Es sieht hier beinahe so aus wie frueher im „Beaufort Market“. Wir steigen in einem kleinen Cafe ab, das vielleicht nur 40 qm gross ist, aber mit wunderschoenen hoelzernen chinesischen Moebeln ausgestattet ist. Der alte Mann hinter dem Tresen hoert Mozart und serviert uns US-Kaffee zu einem gepfefferten Kurs.

Zurueck im Club schauen wir uns „The Young Ones“ an. Dann „Firestarter“ und die sind richtig gut, schoen melodisch. Sie covern von den Rods „Do Anything You Wanna Do“, eine Platte, die damals mein Zimmernachbar Steve Lillywhite produzierte, obgleich Ed Hollis behauptete das er der Produzent gewesen sei. Ich habe damals mitgewirkt, als die Handclaps zum Ende hin abgenommen wurden. Es ist schon merkwuerdig den Song nach all den Jahren in so einen voellig anderen Kontext zu hoeren. Als naechstes kommen „Radio Shanghai“, die chaotisch, aber talentiert sind.

Dann ist es Zeit fuer mich, vorgestellt als „Dave Philp Band (Automatics)“. Die ganze Szenerie erweckt in mir den Eindruck, als wenn ich durch einen verschleierten Vorhang auf die Buehne gehe, um Songs zu spielen, die das letzte Mal in der Oeffentlichkeit vor 22 Jahren gespielt worden sind. Ich bin ungewoehnlich ruhig. Meinen Nerven scheinen mich verlassen zu haben. Fuer einen Moment stehe ich wie angenagelt im Scheinwerferlicht.

Bruce beginnt neben mir die ersten Toene zu „When The Tanks Roll...“ anzuschlagen, versetzt setze ich ein und mein Mund oeffnet sich, „Eins, Zwei, Drei, Vier“ und vor mir entfacht sich diese unglaubliche Explosion von Energie im Publikum. Eine Zuendung, so wie es ´77 und ´78 auch geschehen war. Ich lasse mich davon tragen. Meine Stimme macht sich ganz gut, hoert sich bei hoeheren Toenen zwar etwas gezwungen an, aber hey das ist Punk! Die Band, die scheinbar auch noch im Apartment von Fifi vorher geprobt hatte feuert aus allen Zylindern und wir peitschen die Masse gut voran. 

Meine fruehere Buehnenerfahrung, die all die ganzen Jahre in mir tief und selig geschlummert hat, kehrt so langsam wieder zurueck. Ich naehere mich den vorderen Reihen und lass sie den Chorus singen. Sie kennen jedes Wort. Leute springen von der Buehne wieder zurueck in den Pit. Es ist cool. Und ich bin alt und smart genug um zu wissen, dass es cool ist. Am Ende spielen wir eine Akustikversion von „Wear Your Love Like A Ball 'n' Chain“, bevor wir mit „Watch Her Now“, „Walking With The Radio On“ und „Moth Into The Flame“,  den Schlusspunkt setzen. Als Zugabe spielen wir noch einmal „When The Tanks Roll Over Tokyo Again“ und „Radio“. Ich bin ganz schoen am Schwitzen.

Nach einer kurzen Atempause gehe ich wieder auf die Buehne, um Platten und CDs, die Toshio am verkaufen ist, zu unterschreiben. Ich setze meine Unterschrift ausserdem noch auf Brieftaschen, Geldboersen, Jacken und auf einer 10,000 Yen-Note. Ich frage den Typen, ob ich wirklich auf dem Geldschein unterschreiben soll, worauf er mir in gebrochenem Englisch antwortet, das ich mehr wert waere als Geld.  Mein lieber Scholli, das musste ich erst einmal fuer mich verarbeiten und das dauerte eine sehr lange Zeit. Einige Fans ueberreichen mir Geschenke. Das alles ist einfach ueberwaeltigend. Ein Girl gibt mir ein Fanbuch mit Photos und mit ihrer Adresse drin. Hunter lauert im Hintergrund, und raschelt mit ihrer Kamera.   

Auf dem Weg zurueck zum Hotel sahen wir ein Girl in einer Baseballjacke die hinten die Aufschrift „Fuck Me“ stehen hatte. Durch Shinjuku zurueck, an einem Freitag abend. Alle halbe Meter werden wir von Strichmaedchen angesprochen. Dann sehen wir einen Typen in einem abgesteckten Quadrat. Er laesst sich mit jedem auf eine Boxerei ein, der dafuer Geld ausgeben will. Der Deal ist, dass er sich schlagen laesst, aber nicht zurueck schlaegt. Er duckt und bueckt sich, weicht den Schlaegen der Angreifer aus, und wird von jungen wild Faeuste schwingenden Geschaeftstypen durch das Quadrat verfolgt. Eine Metapher fuer meine Jahre im „Musikgeschaeft“!

 

the AUTOMATICS - Live in Japan 2001                          the AUTOMATICS - Live in Japan 2001

 

07. Oktober

Ich werde von haemmernden Geraeuschen und einer P.A.-Ueberpruefung geweckt. Ich glaube, dass ich in einem Traum aufgewacht bin, aber die traurige Wahrheit ist, das sie auf dem Platz, direkt unter meinem Fenster, eine Buehne fuer ein Soft-Rock Festival errichten. Ich schaue nach unten und sehe wie diese jungen gelockten Typen dabei sind ihre huebschen Melodien einzuueben. Schon eine traurige Angelegenheit, die einem alten Punk Rocker so zustossen kann. Die Obdachlosen, die normalerweise den Platz bevoelkern, werden fuer diesen einen Tag verjagt. Vor dem Stadium weht eine japanische Flagge traege im Wind. Gegenueber reflektiert ein Wolkenkratzer im Sonnenlicht das Geraet, was auf der Buehne aufgebaut wurde. Tokyo ist die Stadt der grossen Wunder und viele davon sind architektonischer Herkunft.

Mittags gehen wir zu McDonalds. So gern ich das japanische Essen auch mag, aber im Moment steht mir der Sinn nach was anderem Essbaren. Es ist das „Beatles McDonald“ – im Schaufenster ist eine lebensgrosse Statur der Beatles ausgestellt, wie sie auf der Abbey Road posieren, und direkt daneben liegt Lennons Gitarre in einem Plexiglas-Koffer. An der Wand haengen verschiedene Fotos. Die Treppe hoch sieht man eine Superman-Statur, die gerade durch ein Fenster springt. Der Chickenburger schmeckt scheusslich, scheint so als wenn sie dafuer extra Huehnerlippen- und Schliessmuskeln komprimiert haetten. 

Ich fuehle mich heute wieder ziemlich platt und ich beginne darueber nachzudenken, ob das vielleicht was mit den Auftritten zu tun haben koennte. Es ist anstrengend die Stunden vor den paar Minuten im Scheinwerferlicht  zu ueberbruecken. Aber genau diese Minuten sind es, die am Schluss zaehlen, da der Rest des Tages hinter einem grossen grauen Vorhang verschwindet. Der eigentlichen Realitaet wird also Platz fuer den unrealistischen Glanz einer „Beruehmtheit“ gemacht. Das ist wie Taubenscheisse weg kratzen. Mit der Zeit ermuedend dich diese Monotonie und es laesst sich nicht vermeiden, das du in zunehmenden Masse unbekuemmerter in deinem Handeln reagierst, und das, kombiniert mit der ueberspitzten Selbsteinschaetzung bricht dem Perfomer zum Schluss das Genick.

Bevor mich Toshio zum Gig abholt verbringe ich die Zeit damit, meine Stimme etwas in Form zu bringen. Wieder versagt sie bei hoeheren Toenen. Ich trinke sehr viel Tee mit Honig und lutsche Unmengen an Hustenbonbons, aber es nuetzt alles nichts. Sehr frustrierend. 

Ich bin froh, als mich Toshio endlich abholt, denn unten ist das Soft-Rock Festival im vollen Gange.

Der heutige Gig ist in Kichijoji. Der Club heisst „The Warp“ und entpuppt sich als ein weiterer dunkler Keller mit einer grossen P.A.-Anlage.

Hunter hatte den Tag mit ihrem „Sensei“ Donald Richie verbracht und als sie zurueckkehrt, hatte ich mit der Band schon gegessen gehabt. Aber ich gehe mit ihr noch zu einem „Yakatori“-Restaurant und wir nehmen gebratene Bohnen und Champignons zu uns. Im Gespraech erklaere ich ihr, das ich vom muede sein muede bin und das bloss um fuer die Konzerte aufzustehen. Sie unterbricht mich und sagt: „Jetzt hoer auf! Du bist hier von Leuten umgeben die dich fuer das was du gemacht hast bewundern. Du kannst weiter tun und lassen was du willst, aber es steht dir nicht zu, darueber zu lamentieren.“ Das war genau das, was ich von ihr hoeren wollte und augenblicklich fuehlte ich mich besser. Ich lasse den Dingen nun freien Lauf. Es ist dieses spezielle Gefuehl, wo man spaeter gerne dran zurueckdenkt und einfach sagt: „That Was What Life Was All About“.

Ich habe in meinem Leben soviel Zeit mit suessem Nichtstun verplempert, so dass ich beim ersten Mal die schoensten Momente mit den Automatics nicht bemerkt habe. Darum werde ich es diesmal in vollen Zuegen geniessen, diese unglaubliche Erfahrung die ich als ein aelterer Herr erlebe, und wie die ganzen Kids mit mir zusammen meine Songs singen, so, als wenn es Hymnen waeren.

Gestaerkt durch unser „kleines Gespraech“ kehren wir zum Club zurueck. Die Kids haben den Schuppen nun fest in der Hand und sind durch die Anwesenheit „meiner Beruehmtheit“ offensichtlich stark beeindruckt. Ich bin froh zu hoeren, dass auch diese Show restlos ausverkauft ist.

Vom ersten Akkord an springen die Kids begeistert in die Hoehe. Sie singen leidenschaftlich jeden Refrain mit und ich spiele vorne an der Buehne, fuer einige Schnappschuesse eines Fotographen den Schmierenkomoedianten. Die Band spielt gut, viel besser als letzte Nacht, und meine Stimme scheint ziemlich gut durchzuhalten. Etwa in der Mitte des Set gebe ich die Gruesse, die mir Wally ( unser Original-Gitarrist ) aus Neuseeland vor dem Flug ueberreicht hatte, an die Kids weiter, und ich widme ihm den Song „Broken Doll“, der nur von einer Akustikgitarre begleitet wird. Wir beenden das Programm so wie am Vorabend.

Backstage lasse ich mir von der Band mein Shirt in Kanji – japanische Handschrift – verschoenern. Sie geben sich alle richtige Muehe und das Shirt sieht aus wie ein kleines Kunstwerk. Leider ist es noch ziemlich durchnaesst vom Auftritt, so dass die Farben etwas zerfliessen. Junge Fans wollen sich mit mir fotografieren, CDs und Alben warten darauf von mir unterschrieben zu werden. Ein gutes Gefuehl eine Rocklegende zu sein! Durch die Unterhaltung mit Hunter fuehle ich mich nun geloest und lasse das alles auf mich wirken.

Toshios Assistent eskortiert uns zum Hotel zurueck. Mit meiner Videokamera bewaffnet stuerze ich mich wieder in das Nachtleben von Shinjuku. Morgen frueh um 7:00 Uhr ist die Nacht um und wir muessen nach Kyoto, der kaiserlichen Hauptstadt Japans, aufbrechen.

 

the AUTOMATICS - Live in Japan 2001

 

08. Oktober

Hunter steht mit dem falschen Fuss auf, und ihre Laune verschlechtert sich noch, als Toshio und seine Gang 10 Minuten frueher als verabredet in der Tuer steht. Ich halte ein wenig Abstand, da ich genau weiss, das sie nur einen Kaffee benoetigt um wieder besser drauf zu kommen. Wir packen eilig unsere Koffer legen sie fuer unsere Reise nach Kyoto in den Kofferraum des gemieteten Truck. Nach und nach sammeln wir Sami, Jimbo, Fink und zuletzt Fifi ein, der auf der Strassenecke steht und auf seiner Gitarre uebt. Es herrscht in den Vororten grosser Verkehr, da viele Familien aufgrund der Ferien unterwegs sind. Es dauert eine ganze Weile bis wir die Vororte hinter uns gelassen haben. Zwischendurch machen wir ein paar Kaffeepausen und fuer Hunter legen wir ein paar Extra-Stops ein, damit sie sich auf der Toilette frisch machen kann. Ein Grund warum es so wenige Frauen im Rock gibt, du kommst niemals irgendwo hin!

Der „Mount Fuji“ taucht vor uns im Nebel auf. Ich haette niemals fuer moeglich gehalten, dass die Landschaften, abseits der ueberbevoelkerten Hauptstaedte Japans, so idyllisch und unberuehrt sein koennen. An kleinen Abhaengen stehen Farmen, die umgeben sind von saftigen gruenen Waeldern. Maerchen von Daemonen und Goettinnen scheinen mir in dieser verzauberten und mittelalterlichen Umgebung als plausibel.

An einer grossen Autobahnraststaette kehren wir ein zum Mittag. In einer kleinen Huette werden neben Harmonikas in allen moeglichen Variationen auch Aalspezialitaeten verkauft. Wir bestellen uns gebratene Nudeln und Kaffee. Meine Stimme zittert heute ganz schoen, es ist noch schlimmer geworden als gestern.

Der Verkehr schleicht nur muehsam voran und wir sind nun schon mehr als sechs Stunden unterwegs. Mir faellt auf, das sich die Jungs, die CDs zugelegt haben, von denen ich in einem vierseitigen Interview mit dem „Doll Magazine“ gesagt habe, das sie mich damals beeinflusst haben, wie z.B. die Saints, Iggy, MC5, Hot Rods, Dolls und Thunders. Ausserdem faellt mir auf das die neue Fassung der „So Alone“-Scheibe, den Song beinhaltet, auf dem ich zusammen mit Johnny gesungen habe. Es war ein Out-Take vom Original-Album gewesen. Jetzt wo Johnny tot ist sitze ich hier im Van mit den Jungs und denke nochmal an die Nacht zurueck, wo wir dieses Stueck aufgenommen haben. Chris Wood, der bei der Aufnahme Saxophon spielte starb kurz danach. Ich bin froh, dass ich als „Punk Sensei“ ueberlebt habe!

Fifi erzaehlt uns, das er auf den Webpages der zwei grossen japanischen Musikblaetter sehr gute Reviews von unseren bisherigen Auftritten gelesen hatte. Das hoert man gerne!

Wir erreichen zu den Klaengen von Dolls „Trash“ die antike City von Kyoto und bleiben sofort wieder im Verkehr stecken.  Als wir schliesslich am „Whoopies“-Club eintreffen sind wir schon 1½ Stunden ueber der Zeit. Dieser Club ist viel groesser als die in Tokyo. Kyoto ist die Wiege des japanischen Punk Rock, denn seit ´79 gibt’s hier Punkbands, und man sieht sich gerne als den Mittelpunkt der gesamten Szene. Die Kids hier sind auch ziemlich cool. Ein wenig eleganter gekleidet als in Tokyo, mehr in Leder. 

Unter ziemlich strapazioesen Umstaenden machen wir unseren Soundcheck. Daran ist die aeusserst sensible P.A. schuld, da sie auf jeden noch so winzigen Ton mit nervenden Rueckkoppelungen reagiert. Wir fahren kurz zum Hotel um uns fuer eine viertel Stunde hinzulegen und anschliessend noch ein paar Happen Sushi zu uns zu nehmen.

Als wir zum Club zurueckkehren herrscht vor den Toren reger Betrieb. Es hat schon was, wenn du auf der Strasse angeglotzt wirst – ich meine das nicht in einer ueberheblichen Form – es bedeutet vielmehr dass es fuer mein Leben einen sehr angenehmen Geschmack hinterlaesst. Dieser Teil war bei mir vollkommen in Vergessenheit geraten, da ich mich ausschliesslich darum gekuemmert habe ein Geschaeft auf die Beine zustellen, aber es ist gut zu wissen, das die Musik immer noch ihre eigenen Gesetze hat. Ich stelle mich bewusst etwas abseits vom Geschehen, weit genug weg, um es objektiv zu betrachten, da ich mich heutzutage selbst mehr als ein Fan der Musik sehe.

Die „Privateways“ beginnen den Abend, dann spielen „First Alert“, „Firestarter“, „Radio Shanghai“ und schliesslich sind wir an der Reihe. Ich schaue mir von jeder Band ein paar Nummern an und beglueckwuensche sie, als sie von der Buehne kommen. Toshio erklaert mir, das normalerweise drei Bands auf dem Programm stehen wuerden, aber alle Bands wollten unbedingt mit den Automatics zusammen spielen und so hat man auf fuenf Bands aufgestockt! Ausserdem teilt er mir mit, das Masa seit gestern Abend mit den Nerven voellig fertig ist, da er ein paar Einsaetze verpasst hatte. Die Woche bevor ich nach Japan kam war er so aufgeregt, dass er tatsaechlich einen Nervenzusammenbruch erlitt, und so musste er fuer ein paar Tage das Bett hueten! Ich nehme ihn zur Seite und sage ihm, dass er seinen Job verdammt gut macht und das es kein Weltuntergang ist, wenn er mal falsch einsetzt. Hauptsache, das Feeling stimmt. Er scheint darueber ein wenig erleichtert zu sein.

Endlich stehen wir auf der Buehne. Kaum jagt das erste Gitarrenriff durch die Boxen bricht das Chaos aus! Die Kids draengen sofort an den Buehnenrand. Bevor die Stagedivers zurueck ins Publikum springen haben sie die Angewohnheit, sich an den Mikrophonstaendern festzuhalten. Ich muss hoellisch aufpassen, dass meine Zaehne bei deren Aktionen nicht getroffen werden. Der Club hat extra jemanden abgestellt der auf die Staender aufpassen soll, aber in diesem Tollhaus kommt er gegen den heftigen Ansturm der Kids einfach nicht an. Und ich bin keine hilfreiche Hand fuer ihn, da ich das Mikro oft genug in die Menge halte und die Kids den Refrain mitsingen lasse. Es ist ein Gefuehl wie 1977, als die Begeisterung seinen Siedepunkt erreicht und kurz davor ist zu explodieren, mit dem Unterschied das es hier ungefaehrlicher und weniger gewalttaetig ist.

Ich singe heute ziemlich gut und die Temperaturen haben mittlerweile die einer Sauna erreicht. Ich giesse mir eine Flasche Wasser ueber den Kopf und schuettele mich dann im Scheinwerferlicht. Das hat die Wirkung wie bei dem Kampf Ali gegen Foreman in „Rumble In The Jungle“, als der Schweiss nach allen Seiten spritzte.

Am Ende der Zugabe „When The Tanks Roll Over Kyoto Again“ lasse ich mich ins Publikum fallen und werde von ihm auf Haenden durch den ganzen Club getragen.

Backstage werde ich wieder photographiert, schreibe Autogramme und flirte ein wenig mit den weiblichen Fans. Ich ueberreiche „meiner Band“ mexikanische T-Shirts und ich stecke mir nun eine Zigarre an, die ich mir bis zum Schluss aufgehoben habe, denn nun brauche ich mir keine Gedanken mehr um meine Stimme zu machen. 

Toshio ist froh, das er an diesem Abend durch den Verkauf der Platten etwas Gewinn machen kann. Ich goenne es ihm vom Herzen, denn er war es schliesslich der das ganze Risiko auf sich genommen hatte. Er teilt mir mit, dass sie einen Tisch in einem Restaurant fuer spaeter bestellt haben, um den Abschluss der Tour zu feiern.

Als wir gehen will ich mich noch kurz vom Manager des Club verabschieden, doch er beachtet mich ueberhaupt kein Stueck, da er zu sehr damit beschaeftigt ist, die Einnahmen zu zaehlen.

Im Restaurant angekommen scheint es so, als wenn fast der komplette „Whoopies“-Club anwesend waere. Als wir rein kommen dreht sich alles nach uns um.  Wir setzen uns und Toshio setzt einen Trinkspruch nach dem anderen, der von den Punks an den anderen Tischen unter grosser Begeisterung erwidert wird. Ich fuehle in dem Moment wahrscheinlich das gleiche wie Fifi und Masa – eine ueberschwengliche Freude des Triumphes vermischt sich mit der traurigen Gewissheit, dass nun alles vorbei ist.

Fifi teilt mir mit, dass es fuer ihn eine grosse Ehre war mit mir zu spielen, und das meine Musik in Japan sehr respektiert wird. Ich erwidere ihm, das es einfach ueberwaeltigend war und das dieser Trip mich dazu inspiriert hat es ein zweites Mal zu versuchen. 

Mittlerweile ist es zwei Stunden nach Mitternacht und es ist Zeit mich zu verabschieden, denn sonst versacke ich hier bis in den fruehen Morgen. So muss die Runde ohne mich auskommen.

Masa heult still in einer Ecke. Er erklaert mir, dass er die Erlebnisse an heute und an die vergangene Tage mit in sein Grab nehmen wird. Wir umarmen uns und ich lade ihn zum Essen ein, bevor es wieder zurueck in die Staaten geht.

 

the AUTOMATICS - Live in Japan 2001                         Dave Philp, backstage  (the AUTOMATICS)

 

09. Oktober

Ich wache im Hotel auf und die Erinnerungen sind weiterhin frisch. Der suesse Geschmack, die diese unglaubliche Erfahrung mit sich brachte, liegt mir immer noch auf der Zunge, vermengt sich aber allmaehlich mit Melancholie, doch die Suesse gewinnt und ergiesst sich in jede noch so verborgene Ecke meines Lebens, in denen sich die Unzufriedenheit bisher breit gemacht hatte.

Vor 22 Jahren bin ich von einen Tag auf den anderen aus der Szene verschwunden. Ich nahm mir nie die Zeit um zu verfolgen, welche Bands sich der Verkaufsmaschine anschlossen um betraechtliche Mengen an Platten abzusetzen. Jetzt nach all den Jahren ist nur eins wichtig, die Musik! Entweder ist sie ehrlich oder sie ist es nicht. Entweder es spricht die Leute an oder es hat fuer sie keine Bedeutung. Die Tatsache, dass es aber am anderen Ende der Welt Kids gibt, die mich fuer das was ich gemacht habe in dieser grossartigen Art und Weise unterstuetzt haben, hat alles in mir geaendert.

Es ist die Musik, die zaehlt. Es muss einfach so sein. Es ist egal, ob du ein toller Publizist, ein phantastischer Friseur oder ob du ein paar echt scharfe Hosen besitzt. Das ist nicht was den Ausschlag gibt.

Nun, der Unterschied ist, das es ueberhaupt nicht darauf angekommen ist, wie viele Platten ich verkauft habe oder ob, wenn ich am Ball geblieben waere, Karriere gemacht haette. Die Kids haben in mir diesen Unterschied erkannt. Sie haben gesehen, dass ich die Musik einzig und allein aus purer Leidenschaft gespielt habe. Das wollte ich zunaechst nicht wahrhaben wollen und somit hatte ich die Kids voellig falsch eingeschaetzt. So lange es aber diese uebereinstimmende Aufrichtigkeit gibt, wird es solche Erfahrungen immer wieder geben.

Ich habe jahrelang diese Bitterkeit und Unzufriedenheit mit mir rumgeschleppt, was haette sein koennen, wenn. Nun gehoeren diese Gefuehle endlich der Vergangenheit an. Ich bin frei davon – und das ist das groesste Geschenk, was mir diese Typen mit auf dem Weg gegeben haben. 

Ich verpacke meine Souvenirs und die ganzen Geschenke von den Fans in meinen Koffer. Ich lege die Lederjacke darauf, die ich in den letzten Tagen wieder getragen habe. Dieselbe Jacke, die ich damals bei allen Fotos an hatte. Es koennte sich nun mit etwas Phantasie um ein „Baumwollsamt Kaninchen“ handeln. Denn es fuehlt sich wieder gluecklicher, weicher und lebendiger an. Sie wurde gebraucht um festzustellen, dass sie in all der Zeit nicht in Vergessenheit geraten ist.

 

Happy People In Japan - Dave and his wife Hunter.

 

Uebersetzung: Ralf Real Shock

Aus 3RD No. 21 , Fruehjahr 2001