CLASH CITY ROCKERS

Nein, eine peinlichst genaue detaillierte Biographie (womoeglich noch in drei langatmigen Teilen verpackt....) braucht im „3rd Gen. Nation“ ueber die Clash sicherlich nicht neu geschrieben zu werden. Dafuer gibt es mittlerweile schon zu viele gute Buecher, wo alles einem bis auf die noch so kleinste Kleinigkeit bruehwarm auf einem Silbertablett serviert wird.

Aber, es gibt nun bald eine Reihe, von Bands, die den Begriff „Punk Rock“ in den 70zigern mitgepraegt haben, festgehalten von grossartigen englischen Journalisten, die ihr Brot damals beim „New Musical Express“, „Melody Maker“ und „Sounds“ verdienten, selbst Fans dieser Musik waren und aus diesem Grunde waren die Storys mit so enorm grosser Begeisterung geschrieben, die in den meisten Faellen das Gefuehl des musikalischen Aufbruch und der voelligen Neuorientierung preisgaben. Nach dem der Begriff „Punk Rock“ die Runden im stets trendbewussten Vereinten Koenigreich gemacht hatte war nichts mehr so wie frueher.

Einige Kostproben gab es ja bereits schon mit den CLASH und DAMNED in einigen aelteren Ausgaben zu lesen. Aber wie schon erwaehnt, das soll jetzt zu keinem festen Bestandteil des Heftes werden, sondern wenn ich mal wieder auf was interessantes gestossen bin, werde ich diese Story aufarbeiten und zu Papier bringen.

Doch nun zurueck zu den CLASH, die mein Punk Rock Dasein von Anfang an mit gestaltet haben und in all den Jahren ein staendiger musikalischer Wegbegleiter fuer mich waren.

Das Scheinwerferlicht auf der Buehne wurde zurueck gedreht, ich sah gerade noch wie das Plakat vom Backcover der ersten LP herunter gerollt wurde und dann sprangen unter ohrenbetaeubenden Geschrei des Publikums vier magere Gestalten auf die Buehne und nahmen ihre Positionen ein, die ersten Akkorde von „Clash City Rockers“ durchschnitten den Zuschauerlaerm wie eine unsichtbare Sichel, das Licht ging wieder an und da standen sie vor mir, die Helden meiner Jugend. Die Clash spielten am 18. Mai 1980 in der „Philipshalle“ zu Duesseldorf. Sofort begann um mich herum alles zu springen. Das erste Mal in einem Knaeuel von Up + Down Attacken umgeben. Einfach grossartig! Nach „Clash City Rockers“ folgte „Brand New Cadilliac“. Erst jetzt nahm ich die Band wahr, Paul Simonon am Bass mit neuem Haarschnitt, naja er hat sich eine Glatze geschnitten, Mick Jones rannte wie ein Irrer von einer Buehnenseite zur anderen und spielte dabei wie ein junger Gott, Joe Strummer verausgabte sich derweil in der Mitte am Buehnenrand, staendig im Blickkontakt mit dem Publikum und nur unter Strom. Wie konnte er bei diesen roboterartigen Bewegungen noch die richtigen Akkorde greifen? Von Topper Headon bekam ich rein gar nichts mit. Das Publikum war ausser Rand und Band. Die Verantwortlichen der Halle waren so schlau gewesen die ersten vier oder fuenf Reihen von Stuehlen zu befreien und genau in diesem „Graben“ wuetete die Pogo-Meute. Ich war in der „fuenften Reihe“ und hinter mir hielten sich immer wieder irgendwelche kreischenden Maedels an mir fest, damit sie nicht von den Stuehlen runterflogen. Besonders bei ihren alten Songs war der Mob nicht mehr zu halten.

Die Clash waren zu diesem Zeitpunkt schon laengst eingespielte Profis on stage und wenn man so will auch eine Art von Stars. Das musste man so sehen, aber trotzdem spuerte man diesen gewaltigen ungetruebten Energieschub, der nicht ein inszenierter Teil ihrer Show war, sondern ein aufrichtiges Hauptelement der eigenen Lebenserfahrungen verkoerperte. Sie hatten etliche erfolgreiche Shows auf ihren ausverkauften Touren durch England und den Staaten bestritten, gehoerten zu den besten englischen Bands, ueber die in den Musikzeitschriften Woche fuer Woche berichtet wurde und sie standen kurz davor ihre neuen Songs fuer „Sandinista!“ aufzunehmen. Kurz gesagt, sie waren wer!!!

Nach dem Konzert verliess ich halbtaub die Halle und begegnete im Vorraum meiner Mutter, die zusammen mit meinem Vater uns Rotzloeffel nach Duesseldorf gekarrt hatten. Dafuer werde ich ihnen ewig dankbar sein.

Nun sind knapp 20 Jahre ins Land gezogen und die letzten Monate stand ich wieder ganz im Zeichen von the Clash.

Ausloeser war die Zusammenkunft von Joe Strummer´s neuen Band The Mescaleros, die ueberraschenderweise im Juni letzten Jahres in der Hamburger „Markthalle“ zu Gast waren um dort auch ihr einziges Hallenkonzert innerhalb Deutschlands zu  geben. Da ich leider viel zu spaet erst davon erfuhr und danach eigentlich nur begeisterte Stimmen in Fanzines zu lesen bekam, das Joe auch einige Clash-Klassiker ins Programm aufgenommen hatte, machte die Vorfreude des Auftrittes beim fuckin´ „Bizarre“-Festival um so groesser. Nein, Punkgott bewahre mich vor Besuchen solcher aetzenden Mega-Events, aber was ich dann am Telly zu sehen bekam brachte oder viel mehr versetzte mich in eine Art magische Clash-Trance die bis zum heutigen Tage anhaelt. Joe kommt auf die Buehne, beginnt seinen Set mit „London Calling“, ich hoere die Stimme, ich sehe Strummer und denke, okay, er ist mit seinen 47 Jahren etwas fuelliger geworden, hat ein paar Speckroellchen am Bauch angesetzt, seine Bewegungen sind nicht mehr so wild, aber zur Hoelle mit solchen Nebensaechlichkeiten, denn Joe is on the street again. Er spielte einen Mix aus seinem bevorstehendem Album mit dem grossartigen Reggae und der ersten Single daraus, „Yalla Yalla“. Dazwischen „Tommy Gun“, „I Fought The Law“, Brand New Cadillac“, „(White Man) In Hammersmith Palais“ und zum Schluss der Zugabe von „Bankrobber“ geht er nach unten zum Publikum, begruesst viele von ihnen mit Handschlag. Danach folgt ein kurzes Interview was Alan Bangs mit ihm fuehrte. Voellig Punkrock-like starrt Strummer die ganze Zeit in die Kamera und rueckt Bangs auf die Pelle. Was er dann in den paar Minuten an Statements von sich gibt ist eigentlich das, was Strummer schon mit den Clash proklamierte. Die Antwort ist und bleibt simpel und hoert auf das Wort Rock’n’Roll. Seine Vorlieben fuer kubanische Rhythmen hat er natuerlich weiter verfolgt und er nennt die Musik die er nun mit den Mescaleros zelebriert Acid-Punk. 

In den folgenden Wochen kramte ich all meine alten Clash-Videos und TV-Aufzeichnungen raus, schaute sie mir an, tagelange lief die zweite Clash-LP, ich legte mir die „London Calling“ auf CD zu und zu Weihnachten liess ich mich mit der „Sandinista!“ und dem Live-Album „From Here To Eternity“ beschenken.

„Sandinista!“ hab ich damals sehr schnell wieder vergessen, einige Songs waren ganz gut, aber ich konnte als 17jaehriges Blag die neuen musikalischen Aenderungen der Band nicht nachvollziehen. Ich wollte das die Clash so klingen wie in den Jahren davor. Probleme hatte ich ja bereits mit der „London Calling“, wo ich auch nur wenige Songs gut fand. Das Ausmass wird jetzt deutlich, erst 20 Jahre spaeter erkenne ich nun welch facettenreiches Musikerleben die Clash vorlegten. Mit „London Calling“ habe ich die Friedenspfeife schon vor Jahren geraucht und hoere sie unendlich gerne. „Sandinista!“ bleibt weiterhin ein Problemfall, da die Band doch bei zu vielen Songs herum experimentierten, die auf ein unglueckliches Endprodukt hinaus liefen. Aber dabei sollte man nicht vergessen, das jeder Einzelne von ihnen ein unglaubliches Talent besass, das schon sehr frueh in ihre Wiegen gelegt wurde.

Zeitgleich mit dem wunderbar abgemischten Live-Album (hoert euch nur mal „Capital Radio“ darauf an!) erschien auch das Video „Westway To The World“. Hier wurden die wichtigsten Stationen der Clash mehr oder minder angerissen und dokumentiert. Was die Zusammenstellung zu einem wahren Erlebnis macht sind die einzelnen Frequenzen zwischen den Doku-Aufnahmen, wo die Clash von heute, jeder fuer sich, ueber die Dinge  sprechen, die damals innerhalb der Band geschahen.

Erschreckend ist dabei Topper Headon anzusehen, wie mager und ausgemergelt er auf dem Stuhl wirkt. Drogen haben sein Leben bestimmt, Drogen waren dafuer verantwortlich, das er 1982 durch ihren ersten Schlagzeuger Terry Chimes ersetzt wurde. Topper trat sein grosses Koennen mit Fuessen und begab sich auf einen aussichtslosen Heroin-Trip. Und so wie er sich praesentierte sah er noch immer sehr krank und mitgenommen aus.

Mick Jones war frueher das Arschloch der Clash und ist es wahrscheinlich auch noch bis heute geblieben, da er in einem ziemlich spoettischen Unterton und immer mit einem leicht hoehnisch wirkendem Grinsen auf den Lippen den einstigen Rummel um die Band schildert.

Paul Simonon ist der nette Junge von nebenan geblieben und berichtet mit einer gewissen Distanz ueber alles. Ich denke, das fuer ihn eine Clash-Reunion wohl am unwahrscheinlichsten waere, da er auch jahrelang nicht mehr gespielt hat und sich voellig der Malerei hingegeben hat. Ich glaub das die Clash fuer ihn ein fuer allemale durch sind.

Bei Joe Strummer bin ich mir da nicht so ganz sicher. Ich glaube schon, das er insgeheim gerne wieder die Clash zusammen bringen moechte, aber der Preis waere bestimmt zu hoch fuer ihn. Deshalb hat er sich ja auch die leichtere Alternative gewaehlt, mit den Mescaleros einige alte Songs der Clash zu spielen. Strummer bleibt dann auch der einzige im Film, der dem Mythos der Clash weiteres Leben einhaucht und so die Spannung gegenueber den Fans weiterhin aufrecht erhaelt. Man koennte beinahe glauben, das im naechsten Moment alles wieder neu passieren koennte.

Generell denke ich das keiner ihrer alten Fans es den Clash uebel nehmen wuerde, wenn sie sich heute nochmals vereinen wuerden, um eine grosse Welttour zu spielen. Die Clash hatten von je her nie den extravaganten Anspruch den z.B. die Sex Pistols durch Malcolm McLaren zur Schau stellen mussten. Es wuerden simpel gesagt einige aufsehenerregende Rock’n’Roll Shows dabei rum kommen. Keiner wuerde sie dafuer verurteilen, alle wuerden kommen um die Hits zu hoeren. Keiner wuerde ihnen einen Strick daraus drehen, das sie mal „Turning Rebellion Into Money“ gesungen haben. Uebrigens das waere doch ein guter Name fuer die Tour, oder? Aber das wird wohl ein ewiges Wunschdenken bleiben und vielleicht ist es auch besser so. Denn der Gedanke die Clash bei einem Riesenfestival zu erleben wuerde einfach genauso laecherlich und albern wirken, wie es bei den Sex Pistols 1996 ausgesehen hatte. Eine exquisite Club-Tour durch mittlere Hallengroesse wuerde meinen Geschmack natuerlich viel eher treffen. Aber, das ist und bleibt eine Illusion.   

Daher stelle ich mir eine etwas mehr zu realisierende Variante vor. Nachdem  die Mescaleros von ihren Konzerten aus Japan und Neuseeland zurueckgekehrt sind, finden sie ja vielleicht in ein paar Monaten noch mal den Weg nach Hamburg, oder meinetwegen auch Berlin, Koeln oder sogar  Duesseldorf. Dann werde ich da sein und mit leuchtenden Augen in den ersten Reihen stehen. Wenn es sich ergeben sollte wuerde ich Strummer einfach nur gerne die Hand schuetteln und mich bei ihm fuer all die grossartigen Stunden bedanken, die er mir mit den Clash zu meiner Jugendzeit bescherte und natuerlich heute mit den Mescaleros, wo ich doch schon stramm auf die 40 zu gehe.

Es waere grandios, wenn es die Band schafft ueber einen laengeren Zeitraum zu existieren und das sie es womoeglich abermals fertig bringen noch mal so ein tolles Album, wie es das „Rock Art And The X-Ray Style“ schliesslich geworden ist, hinzulegen.

Schaut euch im Internet unter (http://www.joestrummer.com/links.html) mal die Seiten an, die sich da mittlerweile ueber beide Bands angehaeuft haben. Das ist schierer Wahnsinn! Setzt euch einen Kanne Kaffee auf, stellt Gebaeck vorm Monitor und macht euch einen schoenen gemuetlichen Nachmittag.

                                     RALF REAL SHOCK

 

„Wenn die Chemie zwischen den vier Mitgliedern stimmt, kann eine Band alles erreichen. Man darf damit nicht leichtfertig umgehen. Heute weiss ich das, aber es war eine bittere Lehre.“

                       (Joe Strummer / „Westway To The World“)

 

PS: Das fast komplette LP-Programm der Clash ist Ende 1999 neu aufgelegt worden. Achtet unbedingt auf den Aufkleber „Restored (Remastered ´99, Original Artwork)“. Unglaublich!!! Ohne Scheiss, das ist echt ein Unterschied wie Tag und Nacht. Kristallklarer Sound und voll die fette Produktion! Auf jeden Fall mal rein hoeren!