THE CONTROLLERS
Johnny Stingray im Interview
( > 3RD No.21 / Fruehjahr 2001 < )


Im Zeitalter von Computern und eMail-Programmen ist alles moeglich geworden! Wenn man sich in eine Sache verbissen hat und lang genug am Ball bleibt wird zu guter Letzt sich alles zum Guten wenden. Und schliesslich will man am Ende nicht als Dummschwaetzer mit leeren Haenden dastehen. Nein, ein bisschen Ausdauer muss schon sein.
Doch im Fall von Johnny Stingray war das alles nicht noetig gewesen. Schnell und ohne jegliche Probleme hatte ich zu ihm, ueber ein paar Wochen verteilt einen sehr guten Draht.
Johnny Stingray war einst mit Kidd Spike + Madd Dog in den 70ern eine grosse Nummer in Hollywood´s Punkrock-Szene gewesen. Sie nannten sich THE CONTROLLERS und wurden sehr bald zur Hausband des legendaeren Club „The Masque“.
Fuer genuegend Gespraechsstoff war also gesorgt und Johnny nahm sich auch die Zeit um jede Antwort ausfuehrlich zu beantworten. Ein starkes Interview!


Ralf Real Shock: Machst du zum ersten Mal ein Interview fuer ein deutsches Fanzine? Was denkst da darueber?
Johnny Stingray: Das ist in der Tat mein erstes Interview fuer ein deutsches Fanzine. Das letzte Interview was ich machte liegt ungefaehr ein Jahr zurueck und war fuer ein kleines Punkmag aus Michigan, wo ich uebrigens aufgewachsen bin. Ich glaube, dass ich fuer jeden in der Band spreche, wenn ich sage, das ich mich geschmeichelt fuehle. Es ist sehr angenehm, dass man sich gerne an uns erinnert. 1980 wollte niemand etwas von Punk wissen, geschweige denn ueber uns „old school“ Bands.

Ralf: Warum hast du von Gitarre auf Bass umgewechselt? War Kidd etwa besser an der Gitarre?
Johnny: Ich wechselte notgedrungen zum Bass ueber. Unser erster Bassist, DOA Dan hatte was mit Charlie, unserer Drummerin. Aus irgendwelchen Gruenden haben sie entschieden, dass sie die Attraktion der Band sei und vorne mit den Gitarristen stehen muesste. Obwohl Spike und ich zu dem Zeitpunkt die Songwriters und Saenger waren! Und wir waren schliesslich die Gruendungsmitglieder der Band gewesen!
Fuer eine kurze Zeit schauten wir uns das an und sagten ihr dann, dass sie gehen kann. Als wir sie feuerten ging DOA Dan gleich mit. Seine Absicht war es, sie auf diese Weise wieder zurueck zuholen. Wir weigerten uns und standen nun ohne eine Rhythmussektion da. Wir testeten einige Bassisten an, die aber allesamt sehr einfallslos waren. Uns blieb dann nichts anderes mehr uebrig, als eine Muenze entscheiden zu lassen, wer von uns nun auf Bass umsteigt. Ich verlor. Ich verkaufte meinen alten 73er Telecaster um mir einen billigen Bass zu zulegen, aber es war ja nur zu unserem Besten. Denn kurze Zeit spaeter traf ich Madd Dog und wir waren komplett. Uebrigens, Bruce von Wall Of VooDoo und Paul Roessler von den Screamers waren fuer kurze Zeit auch in der Band gewesen. Bruce am Bass + Paul am Schlagzeug. Sie waren keine Einfaltspinsel, sondern hatten andere Verpflichtungen.
Und Spike war ein besserer Gitarrist als ich. Ich brachte ihm das Spielen bei, als er 16 war und er wurde richtig gut. Als das passierte, waren wir beide gleichwertig, aber ich denke, es war die beste Entscheidung die wir haetten treffen koennen. Er schwaermt immer noch von meinen Gitarrenkuensten und ich bin bis zum heutigen Tag sein groesser Fan geblieben.

Ralf: Warum hast du nicht beim Album „Radio Danger“ von SKULL CONTROLL mitgewirkt? Ich meine, wo doch deine Ex-Kumpels von den Controllers, Kidd Spike + Madd Dog dabei waren?
Johnny: Ich lebte zu der Zeit nicht in California. Als ich dann 1993 wieder hier her gezogen war, hatten sie ihre Aufnahmen bereits beendet gehabt. Keith Michael ist ein feiner Bassist. Bei einigen ihrer Gigs bin ich als Gastgitarrist aufgetreten.

Ralf: Wird es in irgendeiner Form eine Reunion geben?
Johnny: Von 1995 bis 1996 gab es schon mal eine kurze Reunion. Wir spielten verschiedene Shows als the Controllers und nahmen ein vier-Song-Demo auf. Der Song „White Trash Christ“, den du auf der CD findest, stammte von dieser Session. Wir werden im November nochmal eine Show in der Original Line-Up spielen, also mit Spike, Madd Dog und mir. Es ist als eine Art „Danke schoen“ an die Adresse von „Dionysus“ gerichtet. Damit waere es geessen. Punk ist NICHTS fuer Leute mittleren Alters. Dieser Gedanke ist untypisch fuer viele Bands, aber ich moechte nicht dass unsere Fans von uns enttaeuscht werden.

Johnny Stingray ( 2000 )


Ralf: Interessiert du dich ansonsten immer noch fuer Punk Rock?
Johnny: Yeah, ich hoere noch Punk. Ich habe vor einer Woche eine coole Band mit dem Namen the Clones gesehen. Aber ich verfolge die Szene nicht mehr so intensiv. Ich habe Anfang der 90er in einer Midwest Band gespielt, Just Say No. Ich machte mit ihnen ein Album und ging 1992 auf Tour. Es hat gereicht mich daran zu erinnern, was die Vor- und Nachteile sind, wenn man es darauf ankommen laesst von der Musik seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Ralf: Mit welchen Bands hast du frueher abgehaengt?
Johnny: Ich habe nicht so viel Zeit mit Bands verbracht, ich war viel eher an Girls interessiert. Natuerlich hatten wir einige Kumpels gehabt, wie z.B. Dim Wanker von F-Word oder die Typen von La Shakers (spaeter dann the Gears). Ich meine, ich habe die meisten dieser Bands gesehen und ich kannte beinahe jeden in der so-genannten Szene. Klar, ich ging zu den Parties oder nach den Gigs zu den After-Hours, aber die Zusammengehoerigkeit zu irgendwelchen bestimmten Bands war nie wichtig fuer mich gewesen.

Ralf: Was hat dich daran gehindert den Verpflichtungen in der Band nachzukommen? Oder mit anderen Worten, welche Ursachen fuehrten dazu das die Band auseinander ging?
Johnny: Das hatte viele Gruende. Ich hatte nicht das Geld um mir das noetige Equipment leisten zu koennen. Dann kam hinzu das Spike unbedingt bei den Gears einsteigen wollte. Die Proben wurden immer lustloser und fuehrten zu keinem vernuenftigen Ergebnis mehr. Ausserdem waren wir es einfach leid unsere Amps in kleine dreckige Clubs zu schleppen, die uns nicht ausbezahlten. Spike hat wahrscheinlich eine andere Meinung darueber.

Ralf: Wie viele Exemplare wurden von der Original-7“inch gepresst?
Johnny: Von der Single auf „What? Records“ gab es 1000 Copys, die „Slow Boy“ Single wurde 2000mal gepresst. Die bei „Siamese Records“ waren so richtige Scheisstypen. Und ich habe so meine Zweifel ob ueberhaupt jemals 500 Singles damals an die Laeden rausgegangen sind. Das letzte Mal als ich Phillipe Mogane von „Siamese Rec.“ getroffen habe hatte er ein Dutzend Boxen der Controllers Singles bei sich hinten im Kofferaum liegen gehabt! Er hat nicht eine rausgerueckt! Unnoetig zu erwaehnen, das wir von der Platte nie einen Pfennig gesehen haben.

Ralf: Kannst du dich an die letzte Show der Controllers erinnern?
Johnny: Nicht wirklich. Ich denke, das muss im „Hong Kong Cafe“ gewesen sein, in Chinatown LA, vielleicht April ´79.......

Ralf: Ist Stingray dein richtiger Name oder ein Spitzname? Wie kamen Kidd Spike und Madd Dog zu ihren Spitznamen?
Johnny: Natuerlich ist „Stingray“ mein richtiger Name! Nicht wirklich, ich griff den Namen waehrend eines Acid-Trip auf, den ich mit Spike Anfang ´77 nahm, als wir noch keine Band am Start hatten. Aber die Geschichte ist so lang und nicht komisch genug um auf die Details einzugehen, aber ich nannte mich so, als wir uns waehrend des Trips einen Charakter ausdachten, der auf unseren Zustand zurueck zufuehren war. Spike bekam seinen Namen eine Woche oder spaeter weg, als er auf dem Weg zur Schule einen gigantischen Schienennagel an den Eisenbahngleisen gefunden hatte. Du musst Madd Dog wegen ihres Namen schon selbst fragen. Ich glaube ihr kleiner Bruder hat sie so genannt.

Ralf: Welche Person vermisst du besonders aus den fruehen Tagen?
Johnny: Den Typen, den ich wirklich vermisse ist DOA Dan. Danny war ein echt Wahnsinniger und das was spaeter aus den Controllers wurde hatte zu Anfang viel mit ihm zu tun gehabt. Wir wollten immer ueber Dinge singen, wo wir uns dachten, dass sie komisch sind. Das war etwas was Danny, Spike und ich gemeinsam hatten. Wir teilten denselben Humor. Wir dachten Punk sollte immer Satire sein oder eine offene Demuetigung.
Als wir Danny und Charlie Trash verloren hatten, wurde es fuer die Band zwar besser, aber eigentlich wollten wir Danny ja beibehalten. Er traf lieber die Wahl Charlie´s Pussy zu folgen, als weiter in der Band zu bleiben. Und spaeter habe ich ueber ihn sehr viel nachgedacht.

Ralf: Wie bist du mit „Bacchus Records“ in Kontakt getreten?
Johnny: Durch Chris Ashford von „What? Records“. Spike und ich haben fuer eine Weile bei derselben Plattenfirma gearbeitet und wir haben darueber gesprochen eine CD auf eigene Faust raus zubringen. Spike kontaktierte Chris, und Chris gab mir die Nummer von „Bacchus“/„Dionysus“. Ich bin sehr gluecklich mit der CD, weil sie auf jeden Fall einen besseren Job gemacht haben als wenn ich es in die Hand genommen haette. Ausserdem haben sie eine Distribution! Das ist wichtig.....

Ralf: Welche Reaktionen hast du bisher aus den Staaten und aus Europa bekommen?
Johnny: Die Reaktionen waren toll! Scheinbar laeuft der Verkauf gut an und das ist fuer eine Band, die mehr als 20 Jahre nicht mehr wirklich existiert, sehr cool. Und ausserdem, hier sitze ich und beantworte ein Interview!

Johnny Stingray ( early picture )                             Kidd Spike ( early picture )


Ralf: Ich war ein wenig enttaeuscht, das die meisten Songs direkt von den Singles abgenommen wurden. Gab es keine Moeglichkeit an die Mastertapes ranzukommen?
Johnny: Die meisten Originalbaender sind entweder verschollen oder in einem ganz schlechten Zustand gewesen. „Bacchus“ war imstande mit dem entsprechenden urspruenglichen Material zu arbeiten. „Barnacle Bill“ und „Tail-lites“ stammten von einer Cassette von mir und „White Trash Christ“ war eine digitale Aufnahme. Der Rest kam von dem Masters die Chris Ashford gehoerten.

Ralf: Was waren die schoensten Momente in der Band, die du nicht vergessen wirst?
Johnny: Zwei Momente an die ich mich sehr gerne erinnere. Das war, als wir an Sylvester 1977 im „Masque“ auftraten, jede Punkband aus der Stadt stand auf dem Programm, the Dickies, the Skulls, the Weirdos und noch einige mehr! Wir erklommen die Buehne so gegen 23.00 Uhr und jedes Mal wenn wir einen Song spielten begann der kleine ueberfuellte Club von vorne bis hinten an zu wackeln. Wenn ein Song beendet war, hat das Publikum auch sofort aufgehoert zu tanzen. Als wir dann wieder loslegten ging es wieder voll ab! Das war die aussergewoehnlichste Show, die ich je erlebt habe. Es war der Beginn vom Ende des „Masque“, es gab kurz danach eine inoffizielle Schliessung des Clubs, aber in der Nacht war es DAS Punkcenter im gesamten Universum fuer uns gewesen. Das war wie die Beatles im „Cavern Club“.
Wir spielten sehr oft vor einem guten Publikum, aber diese Nacht blieb unerreicht.
Der andere grossartige Moment damals war, als „Neutron Bomb“ das erste Mal im Radio lief. Kidd Spike und ich lebten damals in einem beschissenen Apartment in Hollywood und wir sind beide voellig ausgetickt. Wir haben uns von unseren letzten Kroeten einige billige Biere gekauft und gefeiert. Wir waren hinterher nicht wirklich besoffen, dafuer eher siegestrunken.

Ralf: Was waren in den letzten 20 Jahren deine wichtigsten musikalischen sowie persoenlichen Stationen gewesen?
Johnny: Persoenlich, das ich nun Vater bin. Ich weiss, das ist vermutlich nicht gerade Punk, aber ein Kind zu haben verhalf mir zum Grossteil erwachsen zu werden. Die Welt durch die Augen eines Kindes zu sehen ist praktisch auch ein Weg um dich wieder jugendlicher zu fuehlen.
Musikalisch denke ich, das ich ein so guter Gitarrist bin, das ich die Melodien die ich im Kopf habe, auch spielen kann. Vielleicht kommt das jetzt etwas zu spaet, aber persoenlich weiss ich wo ich stehe und das ist in Ordnung so.

Ralf: Welche Bands magst du im Moment?
Johnny: Ich mag Monster Magnet. So wuerden sich die Controllers heute wohl anhoeren wenn sie weiter gemacht haetten. Kidd Spike denkt, das sie sich so anhoeren wie mein Solozeug und ich denke immer dass sich ihr Saenger wie Kidd anhoert! Ich hoere immer noch den alten Kram von den Stooges, Funkadelic und Jimi Hendrix. Das erste Hendrix Album hat ein paar grossartige Punksongs zu bieten. Ich war vor ein paar Jahren in einer Band, die „Manic Depression“ gecovert haben. Sehr punkig!

Ralf: Was war eines der verruecktesten Dinge die du in Verbindung mit Punk damals erlebt hast?
Johnny: Das ist schon lustig, das du mich das fragst. Kidd Spike und ich haben uns letztens noch darueber unterhalten. Wir waren nie in irgendwelchen Hippiebands oder machten auf Glam, wie es so einige Bands aus Hollywood vorfuehrten. Wir kannten das Musikgeschaeft nicht. Wir spielten Punk, weil es die Musik war, die uns gefiel. Wir sind nicht auf irgendeinen Zug aufgesprungen, nur weil es hip war. Wir waren eine Punkband, weil fuer uns Popmusik so klingen musste. Wir haben unsere Jobs und unsere Freundinnen verloren, weil wir bis morgens in irgendwelchen Clubs abhingen oder Shows spielten. Das war aber kein besonderer Akt fuer uns, es war das was wir unbedingt machen wollten. Und ich vermute das war gerade das Verrueckte daran, was Punk fuer uns ausgemacht hatte. Das und Scheiben einschmeissen mit Darby Crash und Jello Biafra......

Who pays the bill?


Ralf: Wie alt bist du jetzt Johnny?
Johnny: Ich bin alt genug um es besser zu wissen, aber zu jung um vorsichtig zu sein! Spike sagte einmal, „Ich bin der aelteste Teenager der Welt“, aber jetzt im Ernst, ich bin 48.

Ralf: Hast du davon gehoert das Tomata du Plenty von den Screamers gestorben ist? Bist du mit Rik L Rik, der letztes Jahr leider auch verstarb, nicht gut befreundet gewesen?
Johnny: Ich habe das ueber Tomata gehoert. Wir hatten nichts miteinander zu tun, aber er war ein netter Kerl. Rik war ein Freund. Wir werden ihn alle vermissen. Er stand immer mit beiden Beinen auf der Erde, er war immer sehr entgegenkommend. Ich habe ihn mit seiner letzten Band damals 1993 gesehen, als ich gerade wieder nach Kalifornien zurueckgekehrt bin. Rik war immer praesent. Sten Gun, der Drummer von den Skulls ist letztes Jahr auch verstorben. Wir sterben wie die Fliegen!

Ralf: Welche Bands werden heute ueberbewertet und welche wird unter Wert verkauft?
Johnny: Ich weiss es wirklich nicht. Bands wie Rage Against The Machine und die ganzen anderen Rap/Punk-Kreuzungen interessieren mich nicht, wahrscheinlich werden sie masslos ueberschaetzt. Die unterbewerteten Bands, setzen sich meistens aus x-beliebigen unbekannten Typen zusammen, die in irgendwelchen schaebigen Clubs fuer ein paar Biere sich den Arsch wegschwitzen. Das sind die echten Punks.

Ralf: Was ist deine Meinung ueber Bands wie RANCID, BAD RELIGION, OFFSPRING und GREEN DAY, die es bis an die Spitze geschafft haben?
Johnny: Ich kenne nicht viel von Rancid. Bad Religion sind Bekannte aus alten Tagen, also wuerde es mir nie im Traum einfallen etwas Schlechtes ueber sie zu sagen, obwohl ihre Platte sich zu sehr nach einem hohen Budget anhoeren und an sich immer sehr poppig sind. Am meisten mag ich Offspring, „Keep ´Em Separated“, das hat grossartige Gitarren-Hooks. Mein Sohn mag Green Day, aber mich stoert die naeselnde Stimme ihres Saengers. Sie haben fuer gewoehnlich einen wirklich tollen Gitarrensound, der nicht ueberproduziert klingt. Ich habe gehoert, dass sie live sehr gut sein sollen.....

Ralf: Was war die letzte Platte die du dir zugelegt hast?
Johnny: Das war Monster Magnet und Iggy´s Remix von „Search And Destory“. Wenn du deine Nachbarschaft mal so richtig aergern willst, empfehle ich dir den Remix zu besorgen. Ich glaube das ist das erste Mal das Bowie seinen Job gut gemacht hat......

Ralf: Wer gab der Band ihren Namen?
Johnny: Das war ich. Ich pfiff mir damals eine Menge Acid ein und es klang fuer meine Ohren goldrichtig!

Ralf: Vor einem Auftritt gab es da fuer euch ein bestimmtes Ritual?
Johnny: Ja, wir haben die Bierflaschen immer in einer Linie auf der Buehne aufgestellt!

Ralf: 1977 war bestimmt ein sehr spannendes Jahr fuer dich gewesen. Wie war es fuer dich ein Teil der Szene zu sein?
Johnny: Wir wussten wirklich nicht, wie besonders die Zeit damals war......, wir sahen the Germs, the Weirdos und the Zeros im Fruehjahr ´77 und bereits im Herbst spielten wir an einem Abend mit diesen Bands zusammen. Nicht nur das, aber wir waren mit jeder Punkband in der Stadt gut befreundet. Als wir das erste Mal das „Masque“ besuchten, war es praktisch fuer uns als Band noch ein Uebungsraum gewesen.
Wenn ich nun zururckschaue, finde ich, konnten wir sehr gluecklich darueber sein zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein. Wir wurden von Magazinen wie das „Search And Destroy“ interviewt, als wir erst ein paar Monate zusammen waren!
Fuer uns Dumb-Ass Typen aus dem mittleren Westen war es wie ein grosses Abenteuer. Und dann die Girls. Ich muss sagen dass die weiblichen Fans immer munter mitgespielt haben. Alles was wir tun mussten war in Erscheinung zutreten und zu spielen. Ich kann mich an eine Show im „Masque“ erinnern, wo man mir das Shirt vom Leib gerissen hatte. Ich konnte es nicht fassen!
Das „Masque“ hatte fuer uns immer noch die Bedeutung eines Uebungsraum, doch wir hatten in dem Gebaeude einen „echten“ Uebungsraum, in dem nur wir probten. Es war so als wenn du die gesamte LA Punk-Szene aus der Vogelperspektive betrachten konntest. Wenn wir keinen Bock mehr hatten uns die Bands am Abend anzuschauen konnten wir uns einfach in unseren Raum verkruemmeln, dort ein Bier trinken oder einen Joint rauchen. Und natuerlich die Girls einladen! So etwas wird es niemals mehr wieder geben. Nicht in LA! LA ist wieder zu einer korrupten Rockcity verkommen! Es gibt keinen Underground mehr, ueber den es sich lohnt zu sprechen und ich glaube das ist ein Grund, warum so viele Leute an der Punk-Szene von ´77-´78 interessiert sind. Es gab diese wahre Underground Community. So etwas existiert heute einfach nicht mehr.
Ich bekomme eMails von Kids die 18 oder 19 sind, und die alles erfahren wollen, was mit 1977 zu tun hat. Egal ob du damals in noch so einer albernen oder furchtbaren Band gespielt hast, du hast immer einen Platz gefunden um aufzutreten und es gab immer Leute die dich sehen wollten.
Heute laeuft das nicht mehr so. Clubs wie das „Whiskey“ sind alle „pay to play“. Mit anderen Worten, du uebernimmst ihre Arbeit. Du musst deine Tickets verkaufen und die Show selbst promoten. Und von deinen CDs und Shirts die du verkaufst wollen sie auch noch ihren Anteil am Ende des Abends sehen. Das stinkt zum Himmel!

Ralf: Also, kann man davon ausgehen, das ihr die Hausband des „Masque“ gewesen seid? Dann habt ihr mit jeder Band in der Stadt gespielt? Gibt es darueber ein paar amuesante Geschichten zu berichten?
Johnny: Ich habe letztens einige Listen gefunden, die das Masque" jede Woche damals rausgegeben hatte, und wir haben zweifelos unsere Rolle dabei gespielt, aber ich denke das wir deshalb zur Hausband wurden, weil wir dort unseren Proberaum hatten.
Es kam sehr haeufig vor das aus unseren Proben Gratisshows wurden. Das ging dann automatisch, einer im Laden hoerte die Musik aus den hinteren Raeumen, und als naechstes wusste dann jemand wo dein Raum sich befand und dann war irgendwann der Raum voller Leute, die direkt vom Club in unseren Proberaum marschierten. Musiker von anderen Bands, es war eine einzige Party!
Ja, wir haben mit jeder Band aus der Stadt gespielt. Die Go-Go´s haben fuer uns mal eine Show eroeffnet und wir haben ihn $12.00 bezahlt. Das war Schicksal fuer uns. Zwei Jahre spaeter hatten wir immer noch unsere Jobs und sie spielten waehrenddessen vor den Rolling Stones.

Ralf: Was koennt ich dich noch fragen?
Johnny: Das Einzige was du mich nicht gefragt hast, war unsere Beziehung zu Al Hansen/Beck. Al, der leider schon verstorben ist, war ein internationaler anerkannter Kuenstler. Er wurde durch seine Collagenarbeit bekannt, die er fuer die Verpackungen von Zigaretten und den Schokoladenriegeln von Hershey entwarf. Sein Schwiegersohn, David Cambell, produzierte unsere zweite Single und sein Enkel wurde bekannt als Beck!
Beck war ein kleiner Junge, als wir zusammen herum hingen. Ich weiss nicht ob wir fuer ihn eine grosse Inspiration waren, aber ich war sehr oft dort, da ich duschen konnte und oefters zum Essen eingeladen wurde.
Al war auch der Erste der uns sagte, dass wir es als Band wirklich schaffen koennten und das wir so weiter machen sollten wie bisher. Er verstand unsere Witze und ermutigte uns immer wieder Songs zu schreiben und mehr Aufnahmen zu machen. Ich vermisse ihn.

Ralf: Einige abschliessende Kommentare?
Johnny: Zum Schluss moechte ich sagen, das ich gluecklich und zugleich sehr verbluefft bin, das jemand, gleichgueltig wo, unsere Musik immer noch so gut in Erinnerung hat. In den 80ern wollte niemand etwas von Punk wissen, ausser es handelte sich um X oder einer Band, die aus dem Nichts an die Spitze katapultiert wurde und die es gar nicht erwarten konnte sich zu verkaufen um kommerzieller zu werden. Wenn wir durch unsere Musik ein Kid dazu anstiften konnten, das er sich eine Gitarre besorgt und die Sachen spielt, die er selbst gut findet, dann kann ich behaupten, das wir als Band erfolgreich waren. Punk Rock ist wie moderne Folkmusik...., es sind Kids die wenig oder gar keine Erfahrung haben, das zu spielen und zu singen, was ihnen gerade in den Sinn kommt. Musik ohne Filter. Das ist das was zaehlt.

HAPPY "OLD" LA-PUNKS IN 2000 (Kidd, Johnny + Madd Dog)


Uebersetzung:
Ralf Real Shock
Alle Fotos wurden von Johnny Stingray zur Verfuegung gestellt.
Special thanks for the great support:
„Bacchus Archives“