* * * * * Hit! , * * * * knapp vorbei , * * * OKay , * * Glueck gehabt , * Shit!

So, hier nun das April-Update. Das naechste Update erfolgt dann Ende Mai 2006. Alle Reviews, wie immer, besprochen von Ralf Real Shock.

 

BACKYARD BABIES - "People Like People Like People Like Us" CD
BACKYARD BABIES
„People Like People Like People Like Us“ CD
( Century Media Records / CenturyMedia.com , Release Date: 24. April 2006 )

Aus dem Nichts, ploetzlich die Neuigkeit, das die Babies Ende April ein neues Studio-Album vorstellen werden. Hab ich, ehrlich gesagt, ueberhaupt nicht mit gerechnet gehabt. Ich dachte die lassen es jetzt erst einmal etwas ruhiger angehen und werden evtl. Anfang 2007 wieder mit einer neuen Platte durchstarten, aber die Babies heissen ja schliesslich nicht Mike „The Boss“ Ness und seine sozialen Distortion-Sklaven, der in der Vergangenheit seine Fans immer wieder mit neuen Versprechungen auf eine kommende full-length hingehalten hat, und mich laengst eh mal kreuzweise kann. Das nur so nebenbei. Die Babies haben da ein ganz anderes Arbeitsprinzip. Sie haben bisher ihre Fangemeinde nie im Regen stehen, haben sie immer gefuettert und sind hoffentlich immer noch so nette und sympathische Zeitgenossen, so wie ich sie 1998 mal bei einem Interviewtermin kennen gelernt habe. Doch auch auf der aktuellen Scheibe konnten die Babies leider ihre schlechte Angewohnheit nicht ablegen mindestens einen voellig verunglueckten Song abzuliefern. War es auf „Stockholm Syndrome“ noch das unsaeglich nervige „One Sound“ gewesen, so ist das auf „People Like….“ direkt der zweite Track „Cockblocker Blues“. Genau dieser eine Song haette das Mischpult unter der Aufsicht des Produzenten Nicke Andersson (the HELLACOPTERS) niemals verlassen duerfen. Die restlichen elf Songs hingegen sind wieder im tiefgruenen Bereich anzutreffen. Jeder Song hat sich bei mir in Rekordzeit zu einem kleinen Hitwunder entwickelt! Auch wenn der Sound insgesamt ziemlich sauber klingt, bleibt immer noch genug Dreck im Entluefter haengen, die die Babies ganz deutlich vom beschissenen Mainstream-Gedoens unterscheidet. Die Babies bleiben von daher weiterhin die Meister des „Glammer-Punk’n’Roll“-Zirkus, da gibt es keine zweite Band, die ihnen das Wasser abgraben koennte, evtl. die BLACK HALOS, aber die beiden Bands sind dann doch musikalisch zu verschieden, wie ich finde.
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BORN TO LOSE
„Sweet Misery” CD
( People Like You Records / Starkult Promotion , Release Date: 17. April 2006 )

Als Review-Governor vom 3RD ist man ja immer auf der Suche nach etwas ganz Speziellem. Die Revierregionen, in der sich der Review-Papst vom 3RD bewegt ist mit den Jahren allerdings immer weiter erschlossen worden, so dass kaum noch Raum bleibt, um an echte Ueberraschungsmomente zu glauben. Daran koennen auch diese fuenf drinkin´ Buddies aus Austin nichts aendern. Born To Lose klingen auf ihren 12 Tracks wie eine x-beliebige Streetpunk- oder meinetwegen auch Working Class Band. Zu jeder Zeit austauschbar und keine Spur aussergewoehnlich. Von dieser Bandgattung gibt es in den Staaten eindeutig zu viele von. Groelen, Saufen, Oi!
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THE FIGHT - "Nothing New Since Rock'n'Roll" CD
THE FIGHT
„Nothing New Since Rock’n’Roll” CD
( Repossession Records / Bukee Pr. , Release Date: 28. April 2006 )

Diese vier jungen Huepfer kommen aus Dudley in der Naehe von Birmingham. Musikalisch allerdings gehoeren sie streng genommen an die US-Westkueste. Denn sie spielen eben diesen erfrischend flott abgehenden kalifornischen Melodic-Sound. Das erscheint allerdings nicht ueberraschend, wenn man vorher in Erfahrung gebracht hat, das die Saengerin Kate „K8!“ Turley das Album „Dookie“ von GREEN DAY an erster Stelle nennt, was ihr musikalisches Dasein massgeblich beeinflusst hat. Mit ihren 21 Jahren ist sie das aelteste Bandmitglied und hat auch noch Verwandtschaft innerhalb der Band, ihr juengerer Bruder Jack am Schlagzeug. Die anderen beiden Jungs, Bassist Matt Vale und Gitarrist Scott Milner kannte man dann wohl noch vom Dorfplatz in Dudley, denn so gross wird der Ort sicherlich nicht sein. Wie Punks sehen sie rein optisch ueberhaupt nicht aus, eher wie Teenager die auf MySpace.com surfen und das Haus nicht ohne ihren iPod verlassen. „Nothing New Since Rock’n’Roll“ hat mit „Can´t Be Bothered“, „JB´s“ oder „No More Legend“ einige ziemlich gute Lieder am Start, die für kurzlebige aber sicherlich nicht fuer wirklich nachhaltige Vergnueglichkeit sorgen. Aber mit ihrem clever gewaehlten CD-Titel haben sie sich ja selbst aus dem Rennen genommen, denn The Fight bieten mit ihrer Art von Musik nichts Neues. Doch ihr Talent fuer knackig frischen immer gut gelaunten California-Punk-Pop muss man ganz klar anerkennen.
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LOVE EQUALS DEATH - "Nightmerica" CD
LOVE EQUALS DEATH
„Nightmerica” CD
( Fat Wreck Chords / FatWreck.de , Release Date: 20. Maerz 2006 )

Nach dem doch sehr Furcht einfloessenden Cover zu urteilen meint man etwas in Richtung von Wundertueten-Alptraum Marilyn Manson auf die Horchlappen zubekommen. Aber dieser bizarre Lauschangriff bleibt mir gluecklicherweise erspart. Die vier Bandmitglieder stammen alle aus der Gegend um San Francisco und haben vorher u.a. in Bands wie LOOSE CHANGE und TSUNAMI BOMB gespielt, ehe sie sich Ende 2003 dieser neuen musikalischen Aufgabe stellten. Fat Mike holte die Jungs zwei Jahre spaeter an Bord und im November 2005 wurde das erste 11-Track-Album im „Blasting Room“ unter Aufsicht von Bill Stevenson und Jason Livermore aufgenommen. „Nightmerica“ reiht sich problemlos in die „Fat Wreck“-Family ein. Auch wenn man versucht ihnen einen „anderen Sound“ zu bescheinigen, bleiben sie in allen Belangen eine typische Band fuer dieses Label. Gelungener und recht abwechselungsreicher Melodic-Sound, der auf ein Publikum abzielt, was ansonsten GOOD RIDDANCE, RISE AGAINST oder NO USE FOR A NAME gut findet. Chon Travis erinnert mit seinen stimmlichen Qualitaeten ab und zu an den Saenger von der New Yorker Band BLACK TRAIN JACK. Aber den „Horror-Punk“-Einfluss a la the MISFITS mit dem die Band immerzu liebaeugelt habe ich vergeblich in ihren musikalischen Ausschweifungen gesucht. Mein kleiner Anspieltip(p): „Pray For Me“.
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MUFF POTTER
„Alles was ich brauch” MCD
( Hulk´s Plattenkiste / Bukee Pr. , Release Date: 21. April 2006 )

Muff Potter werden ja in der deutschen Szene-Schickeria in den hoechsten Toenen gelobt. Ich kenne mich im musikalischen Werdegang von Muff Potter nicht besonders gut aus, wuerde mich aber nach dem Hoeren dieser fuenf Songs hier nicht wirklich wundern, wenn sie bei trendy Sarah Kuttner irgendwann mal zu Gast sind. Da scheinen sie mir ganz gut aufgehoben.
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NOFX - "Wolves In Wolves´ Clothing" CD
NOFX
„Wolves In Wolves´ Clothing“ CD
( Fat Wreck Chords / FatWreck.de , Release Date: 18. April 2006 )

Auch mit dem elften Studio-Album machen die Simpsons des Punk Rock nichts falsch. Der politische Aspekt steht zwar nicht so stark im Vordergrund, wie auf ihrem Vorgaenger „The War On Errorism“, aber es bleibt immer noch genuegend Platz fuer hintergrundigen Polit-Stuff, wie etwa in den Texten zu „USA-holes“ (einfach brillant!) oder „Leaving Jesusland“. Musikalisch gibt es auf den 18 Tracks wieder die komplette NOFX-Palette, wobei ich allerdings die Klasse eines Songs wie „Franco Un-American“ vermisse. OKay, das Video zu „Seeing Double At The Triple Rock“ mit dem Jesus-Slam ist schon verdammt unterhaltsam, eben typisch NOFX. Und auch der Text zu „60%“ und „60% (Reprise)“ macht unmissverstaendlich klar, Don´t Mess With NOFX! Wir scheissen euch alle an die Wand, „The Bastions Of D.I.Y.“ Nun, wenn das so sympathisch und mit einer guten Portion Selbstironie rueber kommt, hab ich da gar nichts gegen einzuwenden. Denn dieses ueber sich selbst lustig machen und sich selbst nicht so wichtig nehmen fehlt in dieser ach so coolen von der fuckin´ MySpace.com verseuchten oberflaechlichen Punker-Landschaft, wo jeder noch so kleiner Eitel-Pisser fuer ein paar Monate den Affen macht, und dann sang- und klanglos aus der grossen bunten Welt des Punkertum wieder verschwindet. Welcome iPod-Jerks!
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NONE MORE BLACK
„This Is Satire” CD
( Fat Wreck Chords / FatWreck.de , Release Date: 02. Mai 2006 )

Der erste Song „We Dance On The Ruins Of The Stupid Stage“ macht mir richtig Hoffnung, das ihre zweite full-length ein wenig mehr fuer meine Gehoersinne bietet. Richtig schoener Song, gesangstechnisch wie eine REPLACEMENT-Roehre, sachte aufgefangen im HÜSKER DÜ-Gemuesebeet. Dann Track Two, „Under My Feet“ geht HÜ DÜ – maessig weiter. Straight sind die beiden Songs vorgetragen, kein unnoetiges und nervtoetendes Stop And Go. Dann allerdings bricht eine schwere Zeit fuer mich an, denn bis Track 11 ist man wieder in der unzusammenhaengenden und verstoerten Welt von None More Black gefangen. Die Strukturen werden immer labyrinthischer. Ich bin ja eher ein Freund von Geradeaus-Liederchen, you know, da Eingang hier Ausgang. Mit dem durchaus originellen wie schlaudoofen Titel „You Suck! But Your Peanut Butter Is OK“ koennen sie sich noch einmal ein wenig nach vorne werfen. Aber meinen Geschmack trifft None More Black eigentlich nie so wirklich richtig.
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THE PEERS - "Rockit Repeat" CD
THE PEERS
„Rockit Repeat” CD
( Trash 2001 Records / Trash2001.de , 03. Maerz 2006 )

Ganz annehmbarer Glam-Punk’n’Roll, was da die vier Jungs aus Oldenburg auf ihrer zweiten full-length fabrizieren. Hhhhhmmmm, an Oldenburg Stadt hab ich eigentlich keine guten Erinnerungen, war ich doch 1983 dort als stumpfer Z-15er stationiert gewesen. Punx gab es zu der Zeit da nicht. Ich kann mich an sinnlose „Ein-Meter-Biere“-Saufgelage in irgendwelchen billigen Spelunken in der City erinnern, die mit den richtigen Leuten im Schlepptau nicht ganz ungefaehrlich abliefen und in Beinaheschlaegereien endeten. Scheisse, was wir damals aber auch alle gefrustet! Auf jeden Fall gab es dort einen Plattenladen, wo ich mir wenigstens die RAMONES-LP „Subterranean Jungle“ gekauft habe. Doch noch eine gute Erinnerung haften geblieben. Das wird jetzt dort natuerlich alles anders sein! The Peers erinnern musikalisch ein wenig an die TOILET BOYS mit leichtem STIV BATOR-Einschlag im Billy Hopeless BLACK HALOS-Stil. „Name Dropping“, ist das nicht fein? Am besten gefaellt mir das kurze PowerPop-Intro zu „Mad Man Dan“. Die ziemlich fette Produktion der 12 Tracks hat so ein wenig mit der von TURBONEGRO geliebaeugelt. Kommt alles nicht so schlecht, wie beim ersten „Schnelllauf“-Eindruck vor knapp zwei Wochen. Sollte ich mir noch ein paar Mal anhoeren, dann koennte ich mir vorstellen ein weiteres Sternchen zu vergeben. Ach, scheiss drauf, mach ich jetzt einfach mal, janz spontan! Die Tracks „Restless“ und „Here We Go Again“ kommen naemlich auch ziemlich gut bei mir an! Denn nach einer deutschen Band hoert sich das Ganze ueberhaupt nicht an! Haette mir vorher jemand gefluestert, dass die in New York City, ein paar Blocks weiter von dem ehemaligen Zuhause von JOEY RAMONE wohnen, und oefters mal mit JESSE MALIN einen Heben gehen, haette ich das glatt fuer bare Muenze gehalten. Der Real Shock glaubt aber auch alles…….
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SPEEDWAY 69
„Spam Dance” CD
( Schnitzel Records / Bukee Pr. , Release Date: 05. Mai 2006 )

Direkt beim Durchlesen des Beipackzettels fange ich an zu stutzen. Meine Fresse, was werden die da in den Himmel gelobt! Ein gewisser Argwohn macht sich sofort in meinem kranken Punker-Hirn breit. Hat die Band zu diesen Zeilen tatsaechlich die Absolution erteilt? Wenn ja, wuerde ich das nur noch arm finden! Nee, damit macht man sich bestimmt keine Freunde beim Real Shock! Da hab ich auch schon gar keinen richtigen Bock mehr auf die CD. Aber, was solls? Und meine Befuerchtung wird dann auch recht schnell bestaetigt. Die Jungs aus Dortmund kochen auch nur mit Wasser. „Spam Dance“ ist mit Sicherheit nicht die Offenbarung, wie es im Beipackzettel so salbungsvoll umschrieben wird. Das ist eher stinknormaler MTV-Rock, wo mit vielen Mainstream-Elementen gearbeitet wurde, und dessen fertige Songs das Mischpult im sehr sauberen Zustand verlassen haben. Punk spielt hier ueberhaupt keine Rolle. Der anscheinend obercool gemeinte Gesang klingt bei allen 12 Tracks voellig gelangweilt und gleich. Vielleicht beim naechsten Einsingen mal ohne Kippe im Mundwinkel versuchen.
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WENDY O. WILLIAMS - "Bump 'n' Grind"  DVD
WENDY O. WILLIAMS
„Bump ’n’Grind” DVD
( Cherry Red Films / CherryRed.co.uk , Release Date: 08. Mai 2006 )

Nach ihrer Zeit bei den PLASMATICS versuchte sich Wendy O. Williams 1982 als Solo-Saengerin durchzuschlagen, was ihr sicherlich nicht sehr schwer fiel. Im Herbst 1985 war sie mit „ihrer Band“ in England auf Tournee. Aus dieser Zeit stammt der 56-Minuten-Mitschnitt, der damals in dem ausverkauften Londoner „Camden Palace Theatre“ gedreht wurde. Das Publikum war bunt gemischt von Punks (mit gruenen Iro und COCKNEY REJECTS-Shirt oder SEX PISTOLS hinten drauf auf der Lederjacke) bis hin zu MOTORHEAD-Freaks. Wendy zeigte wie zu PLASMATICS-Zeiten sehr viel von sich, waehrend die Backin´ Band einfache Hardrock-Riffs aus ihren Gitarren donnerten. Das schrie nahezu nach einem Gastauftritt von LEMMY und WURZEL, die dann gemeinsam mit Wendy „Jail Bait“ einem gut ausrastendem Pogo-Mob entgegen schleuderten. Die Frau hatte aber auch echt eine Wahnsinns-Kondition und ihre Stimme blieb sowieso unvergessen. An dieser Stelle folgt nun ein sehr informativer Bericht der von Jayne Keedle fuer die Zeitung „The Hartford Advocate“ aus Connecticut unter dem Titel „Ein letztes Gespraech mit der Ex-Lead-Saengerin der Plasmatics“ verfasst wurde: „Am 6. April 1998 setzte sich Wendy O. Williams, die Ex-Lead-Saengerin der Plasmatics, eine Pistole an den Kopf und zog ab. Ihr langjaehriger Partner und Manager Rod Swenson fand ihren Koerper in einem Waldstueck nicht fern von ihrem gemeinsamen Zuhause. Genau dort, wo sie fuer gewoehnlich die Eichhoernchen fuettern ging, derer sie sich angenommen hatte - sie hatte waehrend der letzten Jahre als zugelassene Tier-Rehabilitatorin in Connecticut gearbeitet. Swensons Worten zufolge war Wendy schon seit einiger Zeit sehr niedergeschlagen. „Sie war der Meinung, die beste Zeit ihres Lebens hinter sich zu haben und fand es schwierig, einem normalen Leben nachzugehen“, wird Swenson zitiert. Das macht ihre letzte Handlung, ihren dritten Selbstmordversuch, jedoch nicht weniger schockierend fuer uns. Vor einigen Monaten hatte eine Frau, die sich als Wendy vorstellte, den Hartford Advocate angerufen. Ob wir an einer Geschichte ueber einen Taetowier-Kuenstler namens Steven Gabriel interessiert waeren? fragte sie. Ich sagte ihr, dass wir bereits einen Bericht ueber das Taetowieren veroeffentlicht hatten, in dem auch „Inker“, wie Gabriel in Taetowier-Kreisen genannt wird, erwaehnt wurde. Fuer einen weiteren Artikel wuerde ich einen neuen Aufhaenger benoetigen. Nach eine paar vergeblichen Versuchen, mir dies schmackhaft zu machen, sagte sie schliesslich ziemlich widerwillig: „Und was waere, wenn er jemand Bekannten taetowieren wuerde?“ Ich sagte Ihr, dass es darauf ankaeme, um wen es sich handelt. „Hast Du jemals von den Plasmatics gehoert?“ fragte sie. Es fiel mir sofort ein – ich war 14 und stierte mit grossen Augen auf den Fernseher, in dem eine Frau mit kaum mehr als Klebeband bekleidet und blondem Iro eine Kettensaege an eine Gitarre legte. Und ob ich von den Plasmatics gehoert hatte! Wendy O. Williams hatte mich als Heranwachsende sehr beeinflusst. Ich wollte jedoch nicht zu Promi-geil wirken, also antwortete ich ganz cool: „Ach ja, die Eichhoernchen-Lady?“ Vom anderen Ende der Leitung kam wie aus der Pistole geschossen: „Woher weisst du das?“ Ich erklaerte es ihr. Ein oertlicher Musiker namens Jim Chapdelaine hatte ein Eichhoernchen-Baby bei sich aufgenommen. Er wusste, dass es illegal war, Eichhoernchen als Haustiere zu halten, und fand fuer das Kleine schliesslich ein neues Zuhause bei einer Frau, die liebevoll „Eichhoernchen-Lady“ genannt wurde. Er erkannte Wendy, die ihm, als er sie zum ersten Mal sah, gefolgt von einer Schar Eichhoernchen aus dem Wald entgegenkam, in erster Linie an ihren Taetowierungen. Etwa an diesem Punkt unserer Unterhaltung daemmerte mir, dass ich soeben eine Punk Rock-Diva als „Eichhoernchen-Lady“ bezeichnet hatte. Sie machte daraus jedoch keine Affaere und erklaerte sich zu einem Interview bereit, hauptsaechlich, so vermute ich, um Gabriel Publicity zu geben. Das vierstuendige Interview fand statt, waehrend sie sich im „Guidelines“ in East Hartford taetowieren liess. Als Lead-Saengerin der Plasmatics brach Wendy O. alle Regeln noch lange bevor Madonna auch nur davon traeumte, „Sex“ zu veroeffentlichen oder die religioese Rechte sich von Marilyn Manson auf den Fuss getreten fuehlte. Wenn es darum ging, das Publikum zu schockieren, konnte Wendy niemand das Wasser reichen. „Es hat mir unheimlich Spass gemacht zu zeigen, dass es fuer Frauen eine Alternative gibt. Man musste nicht wie Raquel Welch aussehen, um tun zu koennen, wozu man Lust hat“, sagte Wendy. „Die meisten Leute fuehlen sich viel zu schnell unwohl in ihrer Haut.“ Wendy, so der Eindruck, hat sich in ihrer Haut stets sehr wohl gefuehlt. Sie trat haeufig auf nur in Rasierschaum gekleidet oder mit Klebeband an den entscheidenden Stellen. Als Kroenung der Show machte sie nicht nur einer Gitarre per Kettensaege den Garaus sondern jagte gleich ein Polizeiauto in die Luft. Die Alben „New Hope For The Wretched“, „Beyond The Valley Of 1984“ und „Metal Priestess“ brachten den Plasmatics viele hart gesottene Fans, jedoch auch Kritiken, die nicht immer nur gut waren. Im Jahre 1986 wurde Wendy O. nichtsdestotrotz fuer einen Grammy als beste weibliche Rock-Saengerin nominiert. Musik-Journalisten sind jedoch eher ihre Live-Shows als ihre Musik in Erinnerung geblieben. Sie erinnern sich an Wendy, den Drachen mit Iro und einem Buehnengebahren, das ihr in den fruehen achtziger Jahren in Milwaukee und Cleveland den Vorwurf der Obszoenitaet einbrachte, wobei die Vorwuerfe letztendlich fallengelassen wurden. Sie erinnern sich an die wilden Stunts. Einmal sprang Wendy aus einem Auto, kurz bevor dieses im Hudson River versank. Auch fuer eine Playboy-Bilderreihe posierte sie, und zwar auf dem Fluegel eines Flugzeugs und als nackte Fallschirmspringerin. Als ich sie dann persoenlich traf, wusste ich nicht so recht, was mich erwartete. Eines haette ich auf jeden Fall nicht gedacht: dass der groesste Teil unseres Gespraechs sich um Naturheilkunde, Diaet, Gesundheitstraining, Kochen und unsere gemeinsame Liebe fuer Tiere drehen sollte. Gabriel und sie hatten sich vor etwas laenger als einem Jahr kennen gelernt, als Wendy in einem Bioladen in Manchester arbeitete. Wie die meisten anderen Leute, die sie kannten, kam keiner auf die Idee, eine Verbindung zwischen Wendy Williams, der Naturheilkundlerin und zugelassenen Tier-Rehabilitatorin und Wendy O. Williams, der beruechtigten Punk-Rockerin, herzustellen. „Sie trug stets eine Brille und hatte einen Zopf. Ich dachte, sie sei dieser typische Buecherei-Typ“, sagte Gabriel. Wendy O. war schon immer fuer ihre Taetowierungen bekannt gewesen, die bis zum damaligen Zeitpunkt noch einfarbig waren. Gabriel arbeitete gerade an einer bunten Ganzkoerpertaetowierung, mit nach oben schiessenden Flammen auf einem Arm und und herabstuerzendem Wasser auf dem anderen. Wendy sass regungslos da, als Gabriel die empfindliche Haut an den Innenseiten ihrer Arme und den Ellbogen taetowierte. Sie war weltbekannt dafuer, wie sie Schmerzen ertragen konnte. Wendy hatte in ihren 48 Lebensjahren zweifelsohne viel durchgemacht. Geboren wurde sie in Webster, New York, verliess als Teenagerin ihr Elternhaus und fand in New York City Arbeit als Stripperin. Rod Swenson traf sie im Jahre 1978. Der Absolvent der Yale-Universitaet mit einem Masters-Diplom der Schoenen Kuenste hatte bis zu diesem Zeitpunkt Videos mit den Ramones, Blondie und Patti Smith gedreht und sah in der betont maennlich auftretenden, charismatischen Wendy die ideale Frontperson fuer eine Punkband im Stile der Sex Pistols, die er gerade dabei war auf die Beine zu stellen. Spaeter im selben Jahr gaben die Plasmatics im CBGB’s ihr Debut. Die Band tourte ab und an bis 1988. Ihr Leben im laendlichen Connecticut war Welten entfernt von ihrem Leben als unangefochtene Koenigin des Schock-Rocks. Wendy Williams war im Jahre 1991 von Manhattan auf das Land nach Storrs gezogen weil sie, wie sie sagte, „ziemlich die Schnauze voll hatte von den vielen Leuten.“ Das stille Leben in der Natur sprach zwar ihre nachdenkliche, zaertliche und verletzliche Seite an, ihre wilde Seite konnte sie jedoch nicht ausleben. Fuer Wendy war ein Leben ohne Leidenschaft ueberhaupt kein Leben. „Ich versuche vermehrt zu empfinden anstatt zu denken. Unsere Unfaehigkeit, das Denken abzuschalten, macht uns das Leben oft sehr schwer. Besonders hart ist das fuer zurueckhaltende Leute, die voller Leidenschaft sind“, sagte sie. „Viele Leute glauben, sie koennen ein Leben ganz ohne Leidenschaft ohne Schaden ueberstehen.“ Das war fuer Wendy unmoeglich. Sie versuchte, so sehr fuer den Moment zu leben wie nur eben moeglich. „Ich versuche in meinem Leben nur Dinge zu tun, die ich mag. Ist das nicht der Fall, dann fange ich sie erst gar nicht an. Kommunikation ist fuer die Essenz des Lebens. Man lernt so staendig etwas Neues dazu.“ Auf die Frage, was ihr wohl die kommenden Jahre bringen wuerden, zoegerte Wendy. „Ich war noch nie besonders gut darin, zu weit nach vorne oder zu weit zurueck zu blicken“, sagte sie. „So habe ich mir schon viele Enttaeuschungen erspart.“ Komischerweise hatte Wendy, nach all den Jahren, in denen sie die Oeffentlichkeit gemieden hatte, erst kurze Zeit vor unserem Interview wieder Kontakt mit ihrem Agenten aufgenommen. Sie wartete nun darauf zu erfahren, ob sie den Part als harte, taetowierte Lady in einem Film bekommen hatte, moeglicherweise einer Serie, die fuer Fox Television produziert wurde. Eine Woche vor ihrem Selbstmord bat mich Wendy darum, mit der Veroeffentlichung des Interviews zu warten, bis sie Bescheid hatte. Ich versprach ihr solange zu warten, bis ich von ihr gehoert hatte. Jetzt weiss ich, dass dieser Anruf niemals kommen wird. „Ich habe so viele Freunde aus dem Musikgeschaeft verloren. Wenn die Leute einfach wegsterben, dann fuehlt man sich so was von im Stich gelassen. Viele Leute, die ich kannte, sind voellig alleine und ganz ohne Beistand gestorben, nur weil sie nicht den Mut hatten zu sagen, dass sie Probleme haben“, sagte Wendy im Guidelines. „Es ist sehr hart, mit dem Verlust von Freunden fertig werden zu muessen.“ Genau vor diesem Problem stehen jetzt all die Leute, die Wendy liebten. Wendy hinterliess einige Briefe, darunter einen Liebesbrief an Rod Swenson, und eine Erklaerung zu ihrer endgueltigen Entscheidung. „Das Leben nehme ich mir nicht, ohne zuvor reiflich darueber nachgedacht zu haben… Vieles, was in der Welt geschieht, ergibt fuer mich keinen Sinn. Wenn ich tief in mich hineinhorche, dann weiss ich, dass ich das Richtige tue, wenn ich mich aufmache an einen Ort, an dem es kein ich gibt, nur noch Stille. In Liebe, Wendy.“ Was keiner der Musikkritiker in seinem Nachruf auf Wendy O. Williams gesagt hat, war, dass sich hinter ihrem harten Aeusseren, dem des unartigen Maedchens, eine Seele von Mensch verbarg, zaertlich und verletzbar. Vielleicht werden sie es niemals erfahren.“
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ZSK - "Discontent Hearts And Gasoline" CD digi-pak
ZSK
„Discontent Hearts And Gasoline” CD digi-pak
( Bitzcore Records / Bukee Pr. , Release Date: 28. April 2006 )

Ihr letztes Album „From Protest To Resistance“ hatte ja mit „We Are The Kids“ einen wirklich unschlagbaren Song zu bieten. Ohne Uebertreibung, das ist einer der besten Punkrock-Songs die eine deutsche Band bisher im neuen Millennium zustande gebracht hat. Ein Song, der nur so vor Optimismus sprueht. Eine echte Kampfansage, die mich permanent an meine einige Punkrock-Jugend erinnert. Schaut euch dazu einfach mal meine woechentliche Play-Listen an. Der Song taucht in jeder zweite Woche auf. Und irgendwie hoerten sich auch die anderen englischen gesungenen Songs wie eine Mischung aus DONOTS und ANTI-FLAG an. Die Songs auf Deutsch fand ich dagegen nicht so prickelnd. Die Produktion war sehr satt ausgelegt worden ohne aber die aggressive Note der Musik zu verdecken. All das zaehlt auf „Discontent Hearts And Gasoline” leider nicht mehr. ZSK singen bis auf „We Will Stop You“ alle Songs auf Deutsch und der Sound kommt mir so was von weich gespuelt vor. Wollen die etwa bei Sarah Kuttner Eindruck schinden? Denn einige Text-Passagen sind ganz schoen peinlich ausgefallen! Mainstream-Pop, ick hoer dir leise trapsen! Nee, da waren die deutschen Texte auf „From Protest To Resistance“ noch um einiges rotziger und glaubwuerdiger vorgetragen worden. Die Gitarren klingen mir auch voellig untergemischt. Das Einzige was ZSK dieser misslungenen Produktion entgegen zu setzen haben ist simple Schnelligkeit, aber die packt einfach nicht beherzt zu. Ich denke eher, dass die Bubis diesmal alles so perfekt wie moeglich machen wollten und nichts dem Zufall ueberliessen. Da bleibt das Ungestueme von „From Protest To Resistance“ ganz klar auf der Strecke. Schade, ich hab mir von dieser neuen Scheibe wesentlich mehr versprochen. Ich bin masslos enttaeuscht!
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