10. Dezember 1999

US BOMBS

 „Effenaar“ / Eindhoven

 

Das „Effenaar“ war fuer mich in den 80zigern haeufig Anlaufstelle fuer einige erstklassige Konzerte gewesen. Diesmal fuehrte mich der Weg nur aus einem Grunde ins hollaendische Grossstadt-Gefilde, ich wollte mir zum Jahresende zum siebten Mal die Punk Rock Heroes aus Orange County geben.

 

Das Jahr 1999 war das Jahr der U.S. BOMBS. Dreimal in Europa auf Tour, eine neue Scheibe bei „Hellcat“ und die Wiederveroeffentlichung ihres ersten Albums auf „Alive“ sicherten ihnen im Laufe von nur knapp 10 Monaten einen explosionsartigen Popularitaetsschub, der in der Form in den letzten Jahren in Europa von keiner anderen ´77er Punk Rock Band erreicht wurde. 

 

Duane Peters (US BOMBS)

 

Ein genauer Ueberblick ueber die hiesige Fanzinelandschaft verschaffte weitere Klarheit, denn von welchem A5er grinste uns ihr Saenger Duane Peters nicht vom Cover an? Auch die grossen Brueder wie das „Ox“ oder „Plastic Bomb“ teilten ueberwiegend diesen Fressnapf der ueberschwenglichen Begeisterung mit, die bei mir und vermutlich vielen anderen 1977-eingestellten Punk Rock Freaks natuerlich laengst in einer grenzenlosen revolutionaeren Romantiker-Pose  ausgeartet war. Pathetisch veranlagte Real Shocks koennten echt zur Plage werden, but I don´t care.

 

Duane Peters (US BOMBS)

 

Wer sich seine Eintrittskarte im Vorfeld nicht rechtzeitig gesichert hatte konnte mit einer boeser Ueberraschung rechnen, da am Kassenhaeuschen ein winziger Zettel mit der Mitteilung „Sold Out“ einigen Herrschaften sicherlich in Sekundenschnelle eine weisse Nasenspitze bescherte.

 

Mit diesem Problem hatte ich gluecklicherweise nicht zu kaempfen. Am Eingang ging also, dank Susi von Epitaph, alles glatt. Nun stand ich in der noch leeren Halle. Auf einer Bank eingemummelt sass Basser Wade. Ich ging auf ihn zu, doch er war nicht gerade sehr gespraechig, also wollte ich ihn auch nicht weiter mit unnoetigen und bloedsinnigen Fragen nerven und liess ihn schliesslich in Ruhe. Der Eindruck entstand eh recht schnell das Kerry, Johnny, Wade und Chip unter einer gewissen Anspannung standen, die wahrscheinlich von ihrem Saenger und Aushaengeschild Duane ausging. Vermutlich war an diesem Abend die Spitze des Eisberges erreicht, da ein vernuenftiges Wort mit keinen der anderen Bomben wirklich zustande kam. Auch wenn ich ein absoluter Fan ihrer Musik bin, war ich noch nie der Typ gewesen, der meint, sich auf Teufel komm raus anbiedern zu muessen. Fakt ist, das die Band einen erstklassigen Sound spielen und das waere fuer mich schon in jedem Fall mehr als nur die halbe Miete. Also kaufte ich mir ein Becherchen mit Coke und schlurfte von einer Ecke der Halle zur anderen.

 

Kerry Martinez (US BOMBS)                             Wade Walston (US BOMBS)

 

Die erste Band ueberstand ich einigermassen unbeschadet. Schreckliches Hardcore-Gepruegel schmerzte in meinen Ohren. Ich machte drei Kreuzzeichen als sie die Buehne verliessen. Doch ich war ja vorab gut informiert, was heute neben den Bomben noch so auftrat, also brauchte ich gar nicht erst gross zu meckern. Dann machte ich mich auf in Richtung Buehnenrand. Mit „I´m So Bored With The U.S.A.“ von meinen unangefochtenen Alltime-Heroes the Clash wurde auf den zu erwartenden Act sehr eindringlich hingewiesen. Auf der Buehne tat sich auch was. Chip drehte seinen Stuhl in richtiger Hoehe vorm Drumkit zurecht, der Rest verbrachte wenige Minuten mit dem Stimmen der Gitarren. Alles war angerichtet. Nur der Hauptakteur war noch nicht so recht in Stimmung die Bretter zu betreten. Er sass am hinteren linken Buehnenende und quatschte sich erst noch mit einem gutaussehenden Maedchen einen ab. Die Bomben warteten geduldig, auf das sich Mr. Peters endlich auf die Buehne bequemte. Ein hartes Los. Da konnten einem die Jungs schon wirklich leid tun, Mr. Peters machte den Anschein als wenn er prall wie ein Autoreifen waere, er verpasste haeufig seine Ansaetze, wankte mitunter voellig orientierungslos auf der Buehne, doch fuer einen coolen Salto reichte es mal wieder. Unglaublich dieser Typ!!! Die Band hingegen rockte von der ersten Sekunde an voll ab und ueberzeugten auf der ganzen Linie. Zeitweise hatte ich das Gefuehl, das sie Duane´s Ausetzer an diesem Abend mit ihrem blinden Verstaendnis fuer die musikalische Abstimmung aufzufangen versuchten. Viele sagen ja, dass die U.S. Bombs ohne Duane Peters nix waeren, doch was ist das fuer ein Typ, der sich am Ende einen Scheissdreck um das kuemmert, was in der Band abgeht. Wenn vier Leute clean sind und nicht mehr saufen und Duane aber fuer alle Viere mit saeuft und Party macht. Klar, das ist schon lustig, aber wer will es schon vier Wochen in einem Nightliner auf begrenzten Raum und auf Verzicht der eigenen Privatsphaere wirklich so lange aushalten? Und dann steht da noch im krassen Gegensatz, das er zu Hause ein Label fuehrt, Platten produziert und da kann man doch nicht immer lattendicht sein, oder doch? Irgendwie leuchtet mir das alles nicht so ganz ein, aber mich wuerde es keineswegs wundern, wenn mich irgendwann die Nachricht ereilen sollte, das Duane Peters aufgrund seines immer noch recht exzessiven Lebenswandel die Radieschen bald von unten betrachten darf. Natuerlich sind das hier alles nur wage Hypothesen die ich anstelle, evtl. hab ich ja selbst den leichten Schatten zu verantworten und mach mir einen Kopp, wo man sich absolut keinen Kopp zu machen braeuchte. Ich will und kann auch ueberhaupt kein Urteil ueber seine Person faellen, ich kenne ihn ja kaum, habe nur wenige oberflaechliche Worte mit ihm gesprochen, aber das was ich in Eindhoven und auch schon teilweise auf den anderen Konzerten gesehen habe, laesst mich zum Schluss kommen, das man Duane wohl so nehmen muss wie er gerade drauf ist. Ich glaube wenn es nicht so waere und Duane sich mal etwas zurueckhalten wuerde, dann waere die Band auch bestimmt offener und koennten etwas ruhiger schlafen. So hatte ich immer den Eindruck von einer reservierten Hoeflichkeit umgeben zu sein, wenn ich mal mit den anderen aus der Band einige Takte wechselte. 

 

Duane Peters + Chip Hanna (US BOMBS)

 

Tags drauf sollte das Package in der Hamburger „Markthalle“ spielen. Die U.S. Bombs waren ohne Duane am Start, auch eine Woche spaeter wusste Livin´ Eyes Andi aus Berlin zu berichten, das Kerrygold (ein „Insider-Witz“) den Gesangspart fast komplett uebernommen hatte und Duane da wohl schon wieder in den USA war. Man muckelte das Wade der Kragen geplatzt sein sollte und Duane kraeftig eins aufs Maul gegeben hatte. Aber, gerade erreichte mich die freudige Neuigkeit via eMail (wir schreiben das Jahr 2000, Samstag, der 08. Januar, 23:14 Uhr) aus dem „Alive“-Headquarter, das Duane nachwievor bei den U.S. Bombs singt und sich das Problem aus Duane´s Sicht folgendermassen liest. Er hatte extreme Schwierigkeiten mit den Mitgliedern der Hardcoretruppe die sich als waschechte Christen entpuppten und den lieben langen Tag nix anderes zu tun hatten, als ihn im Bus mit Jesuspredigten voll zu schwafeln. Das fuehrte zu erheblichen Auseinandersetzungen auch mit dem Tour-Manager und so hielt er es wohl am besten sich vorzeitig zu verabschieden. Die U. S. Bombs sind weiterhin bei „Hellcat“ unter Vertrag und werden im Fruehjahr mit den Arbeiten an einem neuen Album beginnen. Sie ueberdenken allerdings das Management zu wechseln. Also, alles wie gehabt, die Geschichte wird umgeschrieben und meine anfaenglichen wilden Spekulationen, die ich hier so locker zu Anfang eingestreut habe, verfluechtigen sich von selbst, worueber ich zweifellos sehr sehr froh bin. Duane plant sogar in naechster Zeit ein Solo-Album. Wir warten gespannt. Auf in die zweite Runde. Welcome To The U.S. Bombs 2000!!!

 RALF REAL SHOCK

(aus 3RD Generation Nation No. 18, Winter 2000)